Vom Wort zum Bild

Kalligrafie als Kunstform 

Schreiben kann jeder, auch malen oder singen – irgendwie. Das erste selbst gemalte Bild, das erste selbst gesungene Lied – wie wertvoll werden über die Jahre die frühesten Dokumente kindlichen Selbstausdrucks. Wenn Menschen sich zu sich selbst hin entwickeln, streben sie nach Ausdruck. Wenn reine Imitation erstmals in Selbstausdruck übergeht, spürt man etwas von der Persönlichkeit eines Menschen, die nach Entfaltung und Mitteilung strebt. Aus gutem Grund gehört es bis heute dazu, in der Schule das Schreiben zu erlernen, da mit dieser Kulturtechnik der Ausdruck des Menschseins und aktive Teilhabe an der modernen Kommunikations-Gesellschaft untrennbar verbunden sind. Geschriebenes will verstanden werden, es muss lesbar sein, damit es für kommunikative Zwecke tauglich ist, daher „zivilisiert“ die Schule in gewisser Weise den frühkindlichen Selbstausdruck und macht ihn zunehmend gesellschaftsfähig. 

von Joachim Propfe

Schreiben und Kalligrafie haben nur bedingt etwas miteinander zu tun, wenngleich zu bedauern ist, dass das Schönschreiben praktisch nicht mehr vermittelt wird. Das Schreiben in der Schule dient in erster Linie dem Aufzeichnen und Mitteilen von Gedanken und damit der Kommunikation. Kalligrafie dagegen ist für mich ein künstlerisches Ausdrucksmittel. Wer meine Handschrift sieht, würde nicht glauben, dass dies die Schrift eines Künstlers ist, der sich professionell mit diesem Medium auseinandersetzt. Genau wie nicht jede Alltagsnotiz eines Romanautors sofort als ein Sprachkunstwerk erkannt wird, so wenig versteht sich mein wöchentlicher Einkaufszettel als kalligrafisches Werk.

Bis in die 60er Jahre wurde viel Wert auf eine schöne und deutliche Schrift gelegt, da nur sie eine unmissverständliche Kommunikation erleichterte. „Schön“ meinte hier nicht eine zweckfreie Ästhetik, sondern die möglichst genaue Kopie einer idealisierten Schriftvorlage. Das erste Ziel war die Lesbarkeit einer Handschrift und ihre Funktion als kommunikatives Mittel.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn Kalligrafie auch heute vielfach nicht als Kunst betrachtet wird. Ohne Zweifel stellt das Erlernen einer Schrift hohe Anforderungen an den Schreiber, insbesondere bezüglich der Kenntnis von Formen und Proportionen sowie deren Umsetzung. Individueller künstlerischer Ausdruck ist hier nicht das primäre Ziel.

Zwar spielte der Aspekt der Ästhetik schon immer eine Rolle, Entfaltungsmöglichkeiten bestanden jedoch vor allem in der Ausgestaltung von Schmuckelementen und dekorativen Buchstabenerweiterungen, man denke nur an mittelalterliche Urkunden, die Initialen handgeschriebener Bücher oder die privaten und geschäftlichen Briefe im 18. und 19. Jahrhundert. Sie brachten eine Wertschätzung des Geschriebenen zum Ausdruck und dienten der Repräsentation religiöser oder weltlicher Macht und Würde. Die klassische Kalligrafie als Schönschrift im besten Sinne des Wortes hat bis heute ihre Berechtigung und ihre anerkannten Aufgabenfelder für Urkunden, besondere und individuelle Schriftstücke jeglicher Art. 

Zu einer eigenständigen Entfaltung der Schrift als künstlerischem Ausdruckmittel konnte es vor allem durch neuzeitliche Erfindungen kommen. Maschinen für die Kommunikation wie der Buchdruck mit flexiblen Bleilettern, die mechanische Schreibmaschine und später der Computer erlaubten es der Schrift, sich in einem lang andauernden Prozess als künstlerisches Medium zu verselbstständigen. Die Maschinen ermöglichten eine klarere, sicherere und vor allem schnellere Kommunikation als die Handschrift. Texte konnten mithilfe von Druckmaschinen kostengünstig hergestellt und anschließend in großer Stückzahl verbreitet werden.

Die Analogie zur Fotografie und der Malerei liegt auf der Hand. Gemälde lösten sich vom Abbildungscharakter und verließen das Gegenständliche, sobald das technische Mittel der Fotografie zur realitätsgetreuen Abbildung der Welt zur Verfügung stand. Freilich war dies nur ein Zwischenstand, denn Fotografie und Typografie entfalteten schon bald eine ihrem Medium entsprechende eigene künstlerische Ästhetik.

Anders als die Malerei benötigte die Kalligrafie jedoch Jahrhunderte, um sich als eigenständige Kunstform zu entwickeln, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich lange Zeit in einem Wettstreit mit dem Buchdruck befand. Es sollte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts dauern, dass sich die Kalligrafie allmählich vom schönen Buchstaben löste und die vielschichtigen Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums Schrift für sich erkannte und künstlerisch in Anspruch nahm. Dass Form mehr mitteilen kann als Inhalt, dass eine interpretierende, Bedeutung erhellende und eigenständige sinnstiftende Wirkung von einem Schriftkunstwerk ausgehen kann, musste erst entdeckt werden.

Aktuelle Schriftkunst beinhaltet alles, was Schrift kann: Sie reicht vom ästhetisch gestalteten Blatt bis hin zur abstrakten Auflösung von Texten in eine rein skripturale Struktur. 

Kalligrafen nutzen heutzutage das freie Spiel der Formen, Farben und der Komposition und bedienen sich unterschiedlichster Mittel wie etwa der Malerei, sie nehmen Anleihen bei der Typografie oder gestalten mittels der Collagetechnik. Sie experimentieren mit verschiedenen Farben, Trägermaterialien und Werkzeugen, sie schreiben mit allem, was Farbe aufnehmen und in den Händen gehalten werden kann. Manch einer geht bis an die Grenzen des manuell Machbaren, theoretisch könnte man sogar mit dem hydraulisch gesteuerten Arm eines Baggers schreiben. Reisigbesen und Pipette gehören fast schon selbstverständlich zum Reper-toire wie die klassische Feder. Selbst der Computer stellt in diesem Sinne eine Erweiterung des Schreibzeugs dar.

Als ich die ersten Schritte auf dem Feld der Kalligrafie unternahm, bestand meine Motivation zunächst in der Faszination an Form und Proportion der aus wenigen grafischen Grundelementen zusammengesetzten Schriftzeichen, daneben auch die scheinbar minimalistischen Gestaltungsmittel, wie man zum Beispiel einen einfachen Strich in eine spannungsvolle Linie verwandeln kann, indem der Strich an- und abschwillt, oder wie durch kleine Manipulationen in der Haltung des Schreibwerkzeugs die Eleganz etwa einer Antiqua gesteigert werden kann. Außerdem beeindruckten mich die Langsamkeit, die Konzentration und die Ausdauer, die für diese Tätigkeit erforderlich sind.

Wie beim Musizieren muss sich der Künstler ständig konzentrieren, schweifen seine Gedanken ab, unterlaufen ihm Fehler. Dieser meditative Charakter des Kalligrafierens, eigentlich des künstlerischen Tuns überhaupt, ist mir sehr wichtig. Er gibt mir das Gefühl, bei mir angekommen zu sein – in dem zu ruhen, was ich tue, aber nicht stillzustehen.

Für mich ist die Kalligrafie wie jede andere Kunstform zu allererst ein produktives Mittel zur Auseinandersetzung mit der Vielschichtigkeit der Wirklichkeit, des Menschen und seiner Welt. Mich reizt der Gedanke, dass etwas in Sprache Gefasstes, zum Beispiel etwas Erfahrenes, Erkanntes oder Erträumtes, im Grunde eine Abstraktion darstellt: Auf der Suche nach Sinn, Bedeutung und Ausdruck sind Sprache und Schrift abstrakte Zeichensysteme, die mit Inhalt gefüllt werden können und müssen. Diese Überlegungen regen mich zur eigenen künstlerischen Auseinandersetzung mit Geschriebenem an. In diesem Sinne wird ein Text als schriftsprachliche Abstraktion von Wirklichkeit für mich Anlass zum kalligrafischen Kunstwerk.

Das Schaffen aus dem Nichts heraus ist eine Fiktion. Ein Künstler, der sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzt, ist wählerisch, indem er frei entscheidet, welchen Aspekt von Wirklichkeit er seinem Werk zugrunde legt. Er hat die freie Wahl, aber er muss sich entscheiden.

Ich entscheide mich für schriftsprachliche Abstraktionen von Wirklichkeit als Ausgangspunkt für mein künstlerisches Schaffen. Texte sind Rohstoff für eigene Kreationen, die Aussage und die Wirkung eines Textes sind mir wichtig. Ich suche Texte, in denen sich meine Vorstellungen wider-spiegeln – mit aller Wertschätzung gegenüber dem sprachlichen Kunstwerk und der geistigen Leistung.

Als Schriftkünstler suche ich nach einem vertieften und erweiterten Zugang zur Wirklichkeit im Akt des produktiven Schaffens. Im besten Falle geschieht eine Art Transformation der Schrift und ihr Ausdrucksvermögen erweitert sich, ohne die Schrift vollends zu verlassen.

Auch Lesen kann jeder – irgendwie. Als natürlicher Counterpart des Schreibens fordert gleichfalls das Lesen sein Recht. Für die Kalligrafie ist das Lesen Segen und Fluch in einem. Natürlich wollen Texte gelesen werden. Kunstrezeption ist jedoch nicht gleich lesen. Daraus ergibt sich die besondere Herausforderung für die Wahrnehmung kalligrafischer Kunst. Wer ein Schriftkunstwerk lesen möchte, wie man ein Buch liest oder ein gedrucktes Gedicht, der wird möglicherweise enttäuscht werden. Ist doch eine reduzierte oder gar die vollständige Preisgabe der Lesbarkeit eines Textes oder seiner Teile oft gerade reizvolles künstlerisches Ausdrucksmittel. Es leitet sich ab aus dem künstlerischen Potential, das ein Text etwa durch seine Wörtlichkeit, seine Bildlichkeit oder seine sprachliche Eigentümlichkeiten beinhaltet.

Daraus ergibt sich: Eine künstlerische Kalligrafie liest sich anders als ein Buch. Sie wirkt zuerst durch ihre Bildhaftigkeit im Ganzen. Je nach dem Grad der noch vorhandenen Lesbarkeit oder Nicht-Lesbarkeit sind unterschiedliche Rezeptionsweisen in einem Werk angelegt. Ein Text, der ganz und gar Bild geworden ist, fordert seinen Betrachter heraus, sich mit dem Angeschauten auseinanderzusetzen. Kalligrafische Arbeiten, die dagegen das Lesen als Rezeptionsform nicht gänzlich aufgegeben haben, wollen geradezu auch gelesen werden. Dabei bewirkt manch ein kalligrafisches Bild einen verlangsamten Leseprozess, der ein intensiveres Erschließen eines Textes ermöglicht, wenn nicht gar einen kontemplativ-meditativen Zugang eröffnet. 

Wie dem auch sei, die größte Freude bereitet es mir als Schriftkünstler, wenn meine Werke aufmerksam wahrgenommen werden, sei es nun ein lesendes Betrachten oder betrachtendes Lesen.

Joachim Propfe studierte Farbdesign an der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden (heute Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst). Dort entdeckte er durch Professor Gottfried Pott seine Liebe zur Kalligrafie. Seit dem Abschluss seines Studiums 1994 arbeitet er freiberuflich als Designer und Schriftkünstler für private und institutionelle Auftraggeber in ganz Deutschland.  www.atelier-propfe.de

 
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