TheatreFragile spricht die Sprache der Welt

Auf der Suche nach Austausch und Begegnung

Eng ist es. Verdammt eng. Unsere Körper sind aneinander gequetscht, stoßen sich an den Wänden unseres schwankenden Gefährts. Die Luft ist stickig, das Atmen fällt schwer. Und trotzdem müssen wir weiter. Wir treiben auf ein fremdes Land zu...

Wir, das sind Marianne und Luzie. Und noch ein paar andere. Wir hocken dicht gedrängt in einem Raum, der genau einen Kubikmeter Platz bietet. Rundherum ein paar Eimer, um unser Boot zu lenzen, das von überall eindringende Wasser immer wieder über Bord zu schaffen. Ein paar persönliche Erinnerungen, Briefe, Fotos ─ und etwas Heimaterde. Alles verstaut in einem schwarzen Würfel mit einem Meter Kantenlänge. Unter uns der nackte Asphalt, auf dem wir uns mit den Händen vorwärts bewegen. Wir sehen nichts von der Welt um uns, sind gefangen im Dunkel. Wie von unbekannten Strömungen getrieben, bewegen wir uns auf einen unbekannten Strand zu. Auf unbekannte Städte. Auf unbekannte Menschen. Fremde ─ so wie wir für sie. 

Wir blicken nun auf fünf Jahre als freie Theater-Compagnie zurück. Wir sind auf der Suche nach unserem Weg, immer neu, um Menschen mit unserer Kunst zu berühren und uns gesellschaftlich zu engagieren. Von Anfang an gingen wir in unserem künstlerischen Prozess dem Unbekannten nach. So behandelt die zweite Inszenierung das Thema Migration, die dritte das Thema des Hohen Alters. Tagtäglich liest man über Flüchtlinge, die versuchen, Meere zu durchqueren, um Europa zu erreichen. Was wissen wir über sie? Unsere Großeltern sind die wenigen Menschen, die uns Kontakt zu der alten Generation geboten haben. Unsere Gesellschaft liefert sonst leider selten Gelegenheiten, Menschen anderer Altersstufen zu begegnen. Wie leben sie? Was empfinden sie in dem letzten Abschnitt ihres Lebens? 

von Luzie Ackers und Marianne Cornil

Ein Theaterprojekt ist ein wunderbarer Vorwand, endlich Fragen zu stellen, die man sich sonst nicht getraut hätte! Bei der Arbeit an unserer zweiten Inszenierung „Wir treffen uns im Paradies“ haben wir uns mit der Situation der Flüchtlinge beschäftigt und es war klar, dass eine wirkliche Begegnung stattfinden muss. 

Dafür haben wir Zeitungsartikel und Bücher gelesen, Filme gesehen und Statistiken studiert, doch wir mussten uns mit dem Eigentlichen reiben, dem Lebendigen, dem Menschen. So entstand ein wichtiger Teil unserer Arbeit: die Interviews. 

Wir nennen unsere Interviewpartner „Experten“. In „Wir treffen uns im Paradies.“ sind sie Experten für Fluchtwege, für das Exilleben, für den Neuanfang. Bei dem Stück „Himmel in Sicht“ sind sie hingegen Experten für das hohe Alter, für die lange Liebe und die Erfahrungen eines langen Lebens. 

Interessant ist, dass während der Interviewtermine nicht nur gesprochen wird. Sondern wir trinken meist auch Kaffee, essen vielleicht ein Eis, hören Musik oder spielen ein Spiel. Wir lachen miteinander und manchmal weinen wir miteinander. Wir erleben Gemeinschaft. Manchmal dauern diese Begegnungen Tage, manchmal reichen ein paar Minuten, bis das Eis bricht.

Ein Ägypter aus Holzminden erzählt uns beispielsweise über das Exil und über sein Leben in seiner „zweiten Heimat“. Als er ein arabisches Lied über seine Mutter singt, bricht er in Tränen aus und schenkt allen Anwesenden diesen emotionserfüllten Moment. Bei anderen Begegnungen sitzen wir (gefühlte) Stunden, verlegen am Tisch, bis ein alter Mann sein Akkordeon rausholt. Man weiß nie im Voraus, was die Brücke bauen wird, und wann dies geschieht. 

Es sind unglaublich wertvolle und seltene Momente: Der Augenblick, in dem ein Mensch in seinem ganzen Wesen vor einem anderen Menschen steht und sich so großzügig zeigt, weil er Vertrauen spürt. So schenken uns diese Menschen ihre Worte und ihre Stimme: Die Stimmen von Samsun, von Shakti, Mossad, Nassim, Barbara, Kamal, Dolma,Tamanh, Theodor Kohl, Frau Fröhlich, Pater Sylvester, Herr Opitz und von vielen mehr. In der Unmittelbarkeit der Interviews trifft man auf ehrliche Worte, die eine Alltagspoesie besitzen. Eine poetische Sprache, die nicht konstruiert ist. Wir hören Momente von Ehrlichkeit, unvorbereitet und unmittelbar. Während der Aufführungen kann man die nahe Stimme dieser Menschen erfahren. 

Auch wenn es Worte sind, bietet der Klang dieser Stimmen den Zuschauern wiederum eine physische Ebene. Diese lebendigen Stimmen bringen Intimität, durch den Atem, das Suchen, die Gedankenpausen. Es ist, als würde dieser Mensch vor einem stehen. Diese Interviewarbeit an dem jeweiligen Spielort durchführen zu können, schenkt der Produktion die Möglichkeit ständig zu wachsen. Es lässt uns überprüfen, ob wir immer noch nah an der Materie sind, und hält uns dafür wachsam. Die Interviews, die vielen kreativen Impulse von verschiedenen Menschen der Compagnie, aus den verschiedenen Bereichen Darstellung, Maske, Bühnenbild, Musik, Video, Kostüm - dies alles verdichtet sich zu einem großen Ganzen. Wir versetzen uns in einen Zustand, in dem man nicht nur über das Thema sprechen kann, sondern auch körperlich davon durchdrungen ist. 

Aus den drei alten Herren schlüpfen drei junge Frauen. 

Der Moment, in dem wir die Masken abnehmen, ist ein unglaublicher. Die Maske macht diese erstaunlichen und unzähligen Verwandlungen möglich. Zum jungen Mann, zum Mädchen, zum alten Herren und dies in einem einzigen Augenblick. Wenn wir eine Maske tragen, sind wir so pur und nackt, wie wir mit unseren wirklichen Gesichtern nicht sein können. 

Von einem guten Maskenspieler geht eine faszinierende Magie aus, sie lebt von der Wahrhaftigkeit. Das Verschwinden des Gesichtes legt den Fokus auf den Körper und dieser Körper lügt nicht. „Give a man a mask, and he’ll tell you the truth“, schreibt Oscar Wilde. Die Maske wird nur lebendig, wenn der Darsteller authentisch und ehrlich ist. Wir suchen nach dieser Wahrhaftigkeit, um damit das Menschliche und seine Zerbrechlichkeit wiederzugeben. 

Die Blackbox kommt vor ihnen zum Stehen. Es wird still, ganz still. Eine Klappe öffnet sich, langsam. Vorsichtig schauen wir über Bord unseres Boots. Wir zwei und die vielen anderen, die mit uns an Bord sind: Masken, wie wir sie selbst auch tragen. Es könnten unsere Kinder und Eltern sein, Vertriebene, die mit uns die Fahrt unternommen haben. Scheu lugen sie mit uns hinaus. Fremdes Land. Fester Boden? Sich öffnen, so wie sich unsere Blackbox öffnet, unser beengter Lebensraum. Allen rundum wird Einblick gewährt. Alles liegt offen. Unsere Erinnerungen, unsere Sehnsucht. Nichts, das wir verbergen könnten.

Unser Maskentheater macht einem nichts vor, sondern lädt zum Miterleben ein. Wir haben uns selbst die Aufgabe gestellt, unsere Gedanken und Gefühle in einer Sprache auszudrücken, die in der ganzen Welt verstanden wird, die Körpersprache, eine sehr sinnliche Rezeption. Und wir haben uns die Bühne gesucht, die wir überall finden können, die Straße. Die poetische Bildhaftigkeit und die starke Fernwirkung der Masken eignen sich für dieses Vorhaben wunderbar. Sie erlauben einen radikalen Einschnitt in das alltägliche Leben der Straße. Die Magie, die entsteht, wenn Realität und theatralisches Ereignis zusammenprallen, reizt uns. Wir kommen mit allen Gesellschaftsgruppen in Berührung und kreieren Momente der Begegnung und des Austauschs. 

In „Himmel in Sicht“ haben wir jede Möglichkeit gesucht, das Publikum aktiv an dem Verlauf des Stückes zu beteiligen. Die Zuschauer lieben es, wenn der alte Mann mit dem Seil auf seinem Boot hochgezogen wird; und zwar ermöglicht durch einen Helfer aus dem Publikum! Jeder, alt und jung, hat glänzende Augen, wenn er einen Fisch in die Hand bekommt und ihn animieren darf! Sobald eine Person mit ins Spiel einbezogen ist, fühlen sich die Zuschauer als Gruppe angesprochen. Es ist, als würden plötzlich alle mithelfen. Und dann kommt es darauf an, wie mit dieser Person, die das komplette Publikum widerspiegelt, umgegangen wird. Ein ganz wichtiger und heikler Moment! Jede Einbeziehung einer Person aus dem Publikum bedingt die spätere Bereitschaft aller anderen Zuschauer, teilnehmen zu wollen. 

Wir suchen diese Momente der Einbeziehung. Es sind Gelegenheiten, Solidarität und einen liebevollen und sensiblen Umgang miteinander zu erleben und für alle sichtbar zu machen. Während der Aufführung bieten wir immer wieder die Möglichkeit die Berührungsängste zu überwinden und das Zusammensein zu genießen. 

Bei „Wir treffen uns im Paradies“ spielt das Publikum eine wichtige Rolle im dramaturgischen Verlauf. Zu Beginn der Inszenierung erlebt der Zuschauer das Fremde. 

Figuren, die ohne Mund und ohne Nase sich auf der Flucht befinden. Sie sehen befremdlich aus und vermitteln Angst und Schrecken. Der Zuschauer bekommt die Möglichkeit, dem Fremden zu begegnen und den anfänglichen Eindruck von starker Distanz zu überwinden. Die Zuschauer werden eingeladen zu reagieren. Ob sie den Vorschlag annehmen oder mit Ablehnung oder Gleichgültigkeit reagieren? Jede Reaktion hat eine Auswirkung auf das weitere Spiel der Darsteller. Die Zuschauer stehen stellvertretend für die europäische Gesellschaft, welche die Wahl hat, zwischen den Möglichkeiten in Kontakt zu treten, oder Abstand zu nehmen. Manchmal sogar Ablehnung spüren zu lassen. 

Das Publikum muss Stellung zu beziehen. Es wird so den Ausgang des Stückes mitgestalten. Wenn die Zuschauer dies wahrnehmen, werden sie sich bewusst, dass sie dazugehören. „Ich werde gebraucht!“ In diesem Moment wird Gemeinschaft spürbar. Erlebbar. Darsteller und Publikum bilden eine kleine Gesellschaft. 

Fuß nach Fuß, Schritt für Schritt eine neue Heimat erobern. 

Eine kleine Bank, auf der man sitzen kann. Ein Telefon, um mit der Familie zu sprechen und eine Küche, um eine warme Suppe zu kochen. Hunderte sind vor uns und hunderte mit uns. Alle sind eingeladen. Jetzt, mit einer Schale dünner Suppe in der Hand, reden sie miteinander. Für einen Moment durchzieht ein Gefühl von Gemeinsamkeit die zufällige Begegnung. Sie alle verinnerlichen das Erlebte. 

Als wir in Braunschweig am Leopoldplatz „Wir treffen uns im Paradies“ spielten, und der Suppenwagen aufging und warme Suppe wie bei jeder Aufführung für alle bereit stand, sagte ein türkischer Mann im Publikum, „Ja, ja, genauso ist es, genau so! Wir sind alle Menschen“. 

www.theatre-fragile.de  

Maskentheater im öffentlichen Raum 

Bereits 2006 gastierte TheatreFragile mit „Ahoi!“ in Braunschweig. Neugier, Freude und Begeisterung leuchtete in den Braunschweiger Gesichtern. Dieser Zuspruch war für die neugegründete Gruppe ein Segen. Seitdem konnte die in Berlin lebende Compagnie neben den bundes- und europaweiten Tourneen immer wieder dem warmherzigen Publikum der Löwenstadt begegnen. 

Nicht zuletzt dank der Unterstützung der Stiftung Friedrich Knapp, New Yorker, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, des Kulturinstitutes und der vielen guten Seelen, welche die Gruppe nun über die Jahre begleitet haben. Zahlreiche Gastspiele, Künstlerresidenzen in der Musischen Akademie, Workshops und neugewonnene Kooperationen mit Vereinen wie Antirost haben Braunschweig zu einer zweiten Heimat von TheatreFragile gemacht! 

Die vierte Produktion startet ab Oktober 2011. Die Inszenierung wird 2012 in Braunschweig zu sehen sein.

Straßentheater, das Sie sehen sollten: 

 

 
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