|
| Pluralismuskompetenz |
|
Ausgabe 2 - 2011 Die dreistufige Pluralismus-Kompetenz Toleranz und Respekt für fremde Denk- und Handlungsvoraussetzungen Moderne Gesellschaften sind pluralistische Gesellschaften. Unterschiedliche Weltanschauungen und religiöse Weltdeutungen mit den dazugehörigen Wertesystemen und Handlungsregeln konkurrieren miteinander und streben danach, ihren Einfluss auf Staat und Gesellschaft beizubehalten, sofern sie bislang dominant und privilegiert waren, oder ihn zu vergrößern, sofern sie bisher eher randständig gewesen sind. Das birgt Konfliktpotenzial in sich. Deshalb bedarf es allgemeinverbindlicher institutionalisierter Regeln, die diese Konflikte entschärfen und eingrenzen. von Hans-Georg Babke Ebenso notwendig ist aber auch die Kompetenz vieler einzelner Bürgerinnen und Bürger beziehungsweise vieler Mitglieder einer Gesellschaft, mit der Vielfalt von weltanschaulich-religiösen Orientierungen umzugehen und sich mit der eigenen Orientierung und dem davon geprägten Wertesystem in dieser Vielfalt sicher zu bewegen und gleichzeitig Toleranz für die nicht geteilten, konkurrierenden Orientierungen aufzubringen. Pluralismuskompetenz ist die rechte Mitte zwischen fundamentalistischen Wahrheitsansprüchen auf der einen Seite und einem skeptischen Relativismus auf der anderen Seite. Aber was heißt Pluralismus-Kompetenz? Sie zeichnet sich im Wesentlichen durch drei Merkmale aus. Wer in dieser Hinsicht kompetent ist, weiß, dass der Pluralismus in modernen Gesellschaften unvermeidlich ist. Er akzeptiert, dass es weltanschaulich-religiöse Orientierungen gibt, die in Konkurrenz zu der eigenen Orientierung stehen und damit nicht immer vereinbar sind. Dieser Mensch ist sich darüber im Klaren, dass es zwischen den differenten Orientierungen nicht immer eine friedliche Koexistenz gibt. Wer Pluralismus-kompetent ist, ist in der Lage, die Gründe dafür anzugeben, warum der Pluralismus unvermeidlich ist. Diese Gründe lassen sich folgendermaßen beschreiben: Als endliche Menschen werden wir in eine bestimmte geschichtliche Zeit und in eine bestimmte geschichtliche Interpretationsgemeinschaft hineingeboren. Jede Interpretationsgemeinschaft repräsentiert in all ihren Lebens-, Denk- und Handlungsvollzügen eine spezifische Lebensform. Wer in eine technisch-zivilisierte Lebenswelt hineingeboren wird, erfährt andere Prägungen als derjenige, der in eine agrarisch geprägte Lebenswelt in vorindustrieller Zeit hineingeboren wurde. Das betrifft nicht nur die unterschiedliche Gegenstandswelt, die vorgefunden wird und zur Lebensbewältigung zur Verfügung steht, sondern auch die Einstellungen der Interpretationsgemeinschaft, die kulturell eingeregelten Sitten und Gebräuche, die verbindlichen Traditionen, die Wahrnehmungsgewohnheiten, das Verhältnis zur Zeit, die Zeremonien und die Institutionen zu deren Pflege. All dies ist abhängig von einem Hintergrundweltbild, das von dieser Interpretationsgemeinschaft überwiegend geteilt wird. Das Hintergrundweltbild enthält insbesondere die Art und Weise, die Welt zu verstehen und zu deuten, beispielsweise, ob eine Krankheit mythologisch als Wirken von Dämonen interpretiert oder biologisch-naturwissenschaftlich erklärt wird. Je nach Deutung werden andere Maßnahmen der Therapie ergriffen. Die Lebensform, in die man hinein enkulturiert wird, also in welche Kultur man aufgenommen wird, ist ein Komplex aus diesem Hintergrundweltbild und entsprechenden sozialen Praktiken. Bereits mit dem Erlernen der Muttersprache wird dem jungen Menschen diese Lebensform als etwas vermittelt, von dessen Prägung er sich grundsätzlich nicht gänzlich freimachen kann. Allerdings ist der Begriff „Lebensform“ unscharf. Er kann Interpretationsgemeinschaften von unterschiedlicher Reichweite bezeichnen. Damit kann die Gemeinschaft derer bezeichnet werden, die eine gemeinsame Muttersprache teilen, oder ein ganzer Kulturraum, wie „die islamische Welt“ oder „die westlich wissenschaftlich-technische Zivilisation“. Er kann bestimmte Milieus bezeichnen, die sich jeweils durch einen gemeinsamen Sprachcode auszeichnen, wie die scientific community, die Gesamtheit aller am Wissenschaftsbetrieb teilnehmenden Wissenschaftler. Biografisch überlappen sich im Laufe des Lebens die Lebensformen unterschiedlicher Reichweiten - die Lebensformen, die einen von früher Kindheit prägen, und diejenigen, denen man später durch Wahl beitritt. Die bestehenden Widersprüche zwischen den Deutungen der Lebensformen müssen von jedem Einzelnen in den praktischen Lebensvollzügen durch geeignete Strategien integriert werden, zum Beispiel durch die Über- und Unterordnung von Gesichtspunkten der unterschiedlichen Lebensformen, an denen man teilhat. Daraus ergibt sich: Kulturell eingeregelte Lebensformen sind notwendigerweise vielfältig. Wie bereits gesagt: Wenn Menschen in eine bestimmte Lebensform hineingeboren werden, wird ihnen die Erschlossenheit der Wirklichkeit, wie sie in der jeweiligen Interpretationsgemeinschaft vorherrscht, mit und durch Kraft der sprachlichen Zeichen beim Spracherwerb vermittelt. Ein deutungsunabhängiger Zugang zur Wirklichkeit „da draußen“ ist nicht möglich, wie naive Geister häufig noch annehmen. Nie erkennen wir nur „etwas“, sondern im Lichte einer Deutung immer nur „etwas als etwas“, so beispielsweise etwas als Stuhl und damit als Sitzgelegenheit. Niemals ist das Etwas von seiner interpretationsabhängigen Bestimmtheit „als etwas“ zu isolieren. Auch das Empfinden von etwas als Schmerz oder als Begegnung mit einem Gott ist nur möglich, wenn in der Interpretationsgemeinschaft diese Deutungen lebendig sind. Gelingende Kommunikation als flüssige Verständigung setzt voraus, dass sich die Teilhaber an einer Interpretationsgemeinschaft an die eingeführten Interpretationsregeln halten, das heißt, die sprachlichen und nicht-sprachlichen Zeichen verwenden, wie sie üblicherweise verwendet werden. Wenn die Verständigung in einer Lebensform - mehr noch aber zwischen konkurrierenden, inkompatiblen Lebensformen – nicht mehr gelingt, müssen die Deutungsgewohnheiten, Denk-, Sprach- und Handlungsregeln, die sich sonst nur zeigen, aber nicht explizit thematisiert werden, ins Bewusstsein gehoben werden. Wer Pluralismus-kompetent ist, ist sich der eigenen und der fremden Denk- und Handlungsvoraussetzungen bewusst, respektiert die fremden Voraussetzungen, sofern diese nicht die Koexistenz der anderen Lebensformen zunichte machen, und integriert in seinem Handeln das Wissen um die Differenzen. Kurz: Er ist tolerant gegenüber dem, was man selbst ablehnt, und trotzdem um gelingende Kommunikation und um friedliche Koexistenz bemüht. Angesichts der epochalen Herausforderung des Pluralismus ist es die verstärkte Aufgabe von Bildungseinrichtungen, Teilhabern an modernen Gesellschaften diese dreistufige Pluralismuskompetenz zu vermitteln. |
| < zurück | weiter > |
|---|