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| Mein Bild von Gott |
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Ausgabe 2 - 2011 Mein Bild von Gott Wie glauben Menschen mit Behinderung Religionspädagogische Ansätze und Erkenntnisse für Schüler der klassischen Schulformen liegen in ausreichender Zahl und Qualität vor. Die Zielgruppe von Menschen mit geistiger Behinderung ist, was deren spezifische religiöse Entwicklung angeht, in der aktuellen Forschung kaum repräsentiert. Das Problem: Viele religionspsychologische Theorien orientieren sich an Piagets Konzept der kognitiven Struktur. Solche Strukturen als geistige Erkenntnismuster entwickeln sich in der Regel in Abhängigkeit zum jeweiligen Lebensalter. Das Denken wird im Laufe der Kindheit zunehmend abstrakter, es löst sich immer mehr von der Wahrnehmung, der konkreten Anschauung und dem Handeln. Bei geistiger Behinderung verläuft die Entwicklung solcher Erkenntnis leitenden Strukturen langsamer und erreicht eventuell nicht die höchste Form des abstrakt-logischen Denkens. von Wendelin Leinhäuser, Sylvia de Vries und Manfred Modigell Selbst wenn aber ein 50-jähriger Mann mit geistiger Behinderung noch in einer ‚konkreten’ Denkstruktur verhaftet ist, kann er religionspädagogisch nicht wie ein Grundschüler angesprochen beziehungsweise auf dessen Themen reduziert werden. Seine Themen sind ganz andere, beispielsweise Erfahrung von Verlust; Fragen der Partnerschaft, Auseinandersetzung mit Themen der Arbeitswelt werden bei ihm aktuell sein. (vgl. Stefan Anderssohn, Strukturen und Themen: Bausteine eines „integrativen“ Modells zur Erforschung und Interpretation von Religiosität, in: Heilpädagogik online 01/03) Genau hier, bei den aktuellen Alltagsthemen oder der konkreten existentiellen Betroffenheit des Einzelnen, setzen die Gespräche in der Besinnungs-Gruppe des CJD Salzgitter an. Der Impuls zur Entstehung eines solchen Gesprächskreises liegt nun fast 20 Jahre zurück. Manfred Modigell erinnert sich, wie er Anfang der neunziger Jahre vom damaligen Jugenddorfleiter Wolfgang Traub angesprochen wurde, im CJD Salzgitter eine „Woche der Besinnung“ zu gestalten: „… die Zusammensetzung der Bewohner beiderlei Geschlechts, auch mit großen Altersunterschieden, eigentlich schon erwachsen, war für mich eine Herausforderung; denn mit Glaubensfragen waren sie noch wenig in Berührung gekommen… . Als sie merkten, dass ich nicht nach Gottesdienstart, sondern mit ihnen über Fragen aus ihrem Lebensbereich sprechen wollte, war die Hemmschwelle schnell überwunden. Zögerlich kamen zuerst persönliche, familiäre Probleme, später dann das Einleben in die Jugenddorfgemeinschaft zur Sprache… . …die nächsten Tage wurden immer vertrauter. Erklären Sie uns mal, was es heißt: „Keiner darf verloren gehen“! Der Einstieg war gegeben. Dieses, vom Präsidenten Arnold Dannenmann geprägte Wort umfassend, auch aus eigener Sicht zu erklären, war dann der Übergang, über das Leben Jesu zu sprechen und über dessen Art, sich vorwiegend auf die Menschen einzulassen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen,… . Dieser Einstieg schaffte die Vertrauensbasis, in weitere Gespräche über religiöse Fragen zu kommen, so dass nach den gemeinsamen Tagen auch beim Abendessen und in den Unterkünften weiterer Meinungsaustausch stattfand. Am Ende jeder dieser Tage waren wir soweit aufeinander eingestellt, dass von der sich ständig erweiternden Gruppe ein Gottesdienst gestaltet wurde, zu dem alle Jugenddörfler eingeladen wurden - und auch kamen!“ Mit der im CJD Salzgitter durchgeführten religionspädagogischen Arbeit stehen wir im Einklang mit dem Ziel der Religionspädagogik im gesamten CJD, „das Gehaltensein des Menschen in Gott und seine umfassende Liebe zu jedem einzelnen Menschen erfahrbar zu machen. So kann der uns anvertraute Mensch – trotz Schuld und Unvermögen – Bindung und Orientierung finden, Annahme und Anerkennung spüren und Vergebung erfahren. Ausgehend von seiner Lebenswirklichkeit wird der (…) Mensch im Kern seines Daseins angesprochen und zu Antworten auf grundsätzliche Lebens- und Glaubensfragen hingeführt.“ (Leitlinien Kernkompetenzen, CJD 2006) Dabei spielen die intellektuellen Fähigkeiten von Menschen eine sehr untergeordnete Rolle. Das eigene Leben und Erleben, die Menschen der unmittelbaren Umgebung, unsere Erde und das Universum in einem übergreifenden Sinnzusammenhang zu sehen, ist eine Frage der persönlichen Haltung, letztlich die Frage, ob ich meine Existenz vertrauensvoll in größere Hände lege. Und da sind unsere Menschen mit ihren Besonderheiten vielen anderen voraus. Bis heute trifft sich einmal wöchentlich eine Gemeinschaft von 16 Beschäftigten der Werkstatt zur „Besinnungsgruppe“, um ausgehend vom Alltag der einzelnen Teilnehmer grundsätzliche Lebens- und Glaubensfragen zu besprechen, kreativ zu bearbeiten und im Rollenspiel zu erleben. So werden auf unterschiedlichste Weise und mit Hilfe verschiedenartiger Methoden Werte und Inhalte der christlichen Botschaft vermittelt und erfahrbar gemacht. Geschichten aus der Bibel können der Themeneinstieg sein oder auch Antwort auf die aktuelle Fragestellung. Im gemeinsamen Gespräch werden sie mit eigenen Erfahrungen verglichen und auf die dahinterliegenden Werte oder den tieferen Sinn hinterfragt. Im „kreativen Tun“ kann darüber hinaus Zugang oder Vertiefung erfolgen. Kürzlich wurden die Teilnehmenden gefragt, was ihnen die „Besinnungsgruppe“ bedeutet. Frau J. sagte dazu: „Ich nehme an der Besinnung teil, weil ich abschalten kann und weil ich an Gott glaube. Patric liest uns eine Geschichte vor, die ich oft noch nicht kannte. Mir macht es Spaß, dass wir unterschiedliche Sachen machen, wie Preisrätsel, Collagen basteln oder Musikhören und wir haben auch schon einen alten Friedhof besucht. Ich freue mich immer, wenn ich montags zur Besinnungsgruppe gehen kann…“. Für Herrn S. steht im Vordergrund, dass er sich in der Gruppe wohl fühlt. Hier kann er über seine Probleme sprechen und die Themen regen ihn an, über sein eigenes Leben nachzudenken. Herr Sch. berichtet: „Mir gefällt die Ruhe und Besinnlichkeit in der Gruppe. Für mich wichtige Themen werden in der Gruppe besprochen und ich erfahre Neues aus der Bibel und dem Leben Jesu. Das Singen von religiösen Liedern macht mir Spaß, weil mir die Texte gefallen“. Jährlich findet im November eine „Woche der Besinnung“ statt, in der fünf Tage lang intensiv an einem Thema gearbeitet wird. So wurde zum Beispiel einmal das Thema „Mein persönlicher Glaube“ bearbeitet. Unter der Überschrift „Was verbinde ich mit Gott?“ gestalteten die Teilnehmenden eine persönliche Kiste, in der sie ihr „Bild von Gott“ und Erfahrungen mit ihrem Glauben ausdrückten. Es entstanden ganz unterschiedlich gestaltete Ergebnisse – so unterschiedlich wie auch die Erfahrungen und Vorstellungen von Gott sind. Eine Kiste enthielt viele Spiegel. Die Gestalterin der Kiste erklärte, die Spiegel sollen bedeuten, dass Gott überall zu sehen ist und auch alles sieht. Eine weitere beinhaltete einen Engel, der schützend seine Hände über die Freunde und Familie und alle Menschen hält. Die Ergebnisse und Erfahrungen der Woche werden auch den anderen Werkstattbeschäftigten vorgestellt. Oft fließen Elemente der Woche der Besinnung in den Jahresabschlussgottesdienst ein. Unter anderem wurde zum Thema „Was verbinde ich mit Weihnachten?“ ein Video gedreht, das im Gottesdienst gezeigt wurde. Zudem wirken die Teilnehmenden der Besinnungsgruppe am Gottesdienst mit, indem sie die Fürbitten übernehmen, Lieder vorschlagen und ihre Anregungen zur Gestaltung einbringen. Auch wenn die Gesprächsthemen in der Gruppe sich vorrangig an den Fragestellungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer orientieren, wird in den Runden regelmäßig Bezug genommen auf biblische Texte, die Antworten anregen, unter Umständen auch Widerspruch erzeugen, immer aber zum Nach- und Weiterdenken führen. Damit entwickelt sich aus der Auseinandersetzung mit dem biblischen Zeugnis heraus allmählich eine persönliche Beziehung des Einzelnen zu Gott, die Teilnehmer erfahren Beispiele der bedingungslosen Annahme Gottes und gewinnen Vertrauen und Mut zum Leben. Eine solche Gottesbeziehung kann helfen, die eigene Person besser zu begreifen, eine Perspektive für das eigene Leben zu entwickeln, die eigenen Grenzen auszuloten und selber tragfähige Beziehungen zu leben. |
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