Leistung
Ausgabe 1 - 2011
LEISTUNG GEHÖRT ZUR SCHULE WIE DAS MITTAGESSEN ZUM KOCHEN!
ES GILT, JEDEN EINZELNEN ANZUNEHMEN UND ZU FÖRDERN

  Was ist Leistung? In der Schule reden wir davon, im Beruf, im Sport und in den Künsten. Gehört die Leistung wirklich zum Menschsein, quasi als eines seiner Definitionsmerkmale? Aber was ist mit dem berühmten homo ludens? Ist der Mensch wahrer Mensch nur dort, wo er spielt?
VON URSULA HELLERT

Um einen Anfang zu machen, werfen wir einen Blick in das Grimmsche Wörterbuch von 1855 ff. „Leisten" heißt ursprünglich „jemandem nachgehen oder folgen" und wendet sich dann schnell zum abstrakten Verständnis „das befolgen oder das tun, was einem als Schuldigkeit auferlegt ist". Es scheint so zu sein, dass wir letztlich über unser Menschenbild sprechen, wenn wir von Leistung sprechen. Und nachfolgend auch von einem Bild unserer Gesellschaft, die wir wollen oder ablehnen. Leistungsprinzip, Leistungsdruck und Leistungsmotivation sind weitere Begriffe in diesem Zusammenhang.

Ein Blick in die Naturwissenschaften ist erfrischend einfach, wenn dieser Ausdruck einmal erlaubt ist. „Die Leistung P (von engl. Power) wird in der Physik durch den Quotienten aus verrichteter Arbeit W bzw. der dafür aufgewendeten Energie E und der dazu benötigten Zeit t definiert: Hierbei ist P die Leistung, E die Energie, W die Arbeit und t die Zeit. P = E/t = W/t." Das lernt jeder Schüler in der Mittelstufe.

Das Leben gibt es nicht umsonst.
Energieumsatz ist immer dabei, ohne Energie gibt es kein biologisches Leben. Um Energie umsetzen zu können, muss Energie zugeführt werden. Und spätestens da fangen wir an, über menschliche und gesellschaftliche Fragen von Leistung und Leistungsverhalten zu reden. Wer kümmert sich um die Energie, die zugeführt werden muss? Jeder für sich selbst? Die Starken für die Schwachen?

Geld zu verdienen ist zunächst einmal nur die abstrakte Variante des Bereitstellens von Energie, die zum Leben gebraucht wird. Geld verdienen entspricht dem Jagen und Sammeln unserer Vorvorvor...fahren.

Und hört alles schon auf mit der Bereitstellung der notwendigen Energie oder gibt es weitere Triebe als den Lebens- und Überlebenstrieb, die den Menschen zu immer neuen Leistungen führen?

Das Leben gibt es nur umsonst.
Alles andere ist nicht wert, Leben genannt zu werden, sondern eher Existieren oder sogar Vegetieren. Auch in diese Position können wir unmittelbar eindenken. Wann fühlen wir uns richtig lebendig? Wenn wir uns angestrengt haben und das Vorhaben gelingt - wenn wir also Leistung bringen -, dann macht jede einzelne Faser in unserem Körper einen Luftsprung. Aber wenn wir auf dem See sind und das Licht der Morgenröte uns gefangen nimmt, wenn ein Kind geboren wird oder wenn in einem Konzert die Musik in uns eindringt, so dass wir kaum noch atmen können, dann fühlen wir auch die Fülle des Lebens. Und doch, wir konnten uns nur hinein geben, anstatt zu leisten. Am intensivsten erleben wir dieses Gefühl in der Liebe, im Lieben wie im Geliebt werden. Liebe kann man nur schenken und man kann sich beschenken lassen. Mit Leistung hat das gar nichts zu tun.

So kann die Antwort auf die Frage nach dem Menschen als ein auf Leistung bezogenes Wesen nur ein sowohl als auch sein. Der Mensch ist beides oder auf beides angelegt; er ist das Wesen, zu dem Leistung gehört, und der Mensch erfüllt sein Wesen in einem passiven geschehen lassenden Innehalten. Denn der Mensch ist ein zeitliches Wesen. Er ist auf Zukunft angelegt. Und er weiß um die Zukunft. Der Mensch ist das Tier, das letztlich um seinen Tod weiß, das heißt, um seine Zeitlichkeit weiß. Und dieses Wissen macht einen totalen Unterschied. Nur wer Zukunft als Bewusstsein hat, wird Leistung als Eigenart seines Tuns definieren und akzeptieren. Die andere Seite dieses Wissens um Zeitlichkeit ist das Wissen um Ewigkeit. Wenn die Zeitlichkeit der Progress ist, dessen Erfüllung sofort schon von dem nächsten Ziel überboten wird, dann ist die Ewigkeit die Erfüllung, die nichts mehr offen lässt. Wenn die Zeitlichkeit mit dem Wollen und dem Sehnen und dem Planen einhergeht, so die Ewigkeit mit dem Schauen und Genießen und der Ruhe, zwecklos und nutzlos. Nützlichkeit gibt es nur in der Welt, in der Zeit unseres individuellen Weges und des langen Weges der Geschlechterfolge der ganzen Menschheit. In der Ewigkeit ist reine Zweckfreiheit und schauendes Sein in einer Gegenwart, die nicht mehr Zeit ist. Das Spielen des homo ludens ist für uns so attraktiv, weil es eben nutzlos ist und auf diese andere Seite im Menschlichen verweist. Und erst recht ist das so mit Liebe.

Leistung gehört zum Menschsein, weil in der Welt die Gestaltung von Zukunft sein Erbteil ist. Aber der Mensch ist nicht seine Leistung, sondern berührt darüber hinaus einen gänzlich anderen Raum. In diesem Glück der Mehrdimensionalität unseres Wesens bewegen wir uns, aber auch in diesem Dilemma. Unser gemeinsames gesellschaftliches Leben basiert auf dem Leistungsprinzip, aber lebt genauso von vielem anderen: von der Schönheit, der Verspieltheit, der Nächstenliebe und grenzenlosen Fürsorglichkeit für jeden anderen, der nicht für sich selbst sorgen kann. Wir brauchen die Leistungsträger und wir sind stolz auf sie; aber jeder von ihnen ist nicht mehr oder minder wertvoll als jeder andere Mensch, der die Leistung nicht erbringen kann.

Manchmal fällt es uns schwer, das anzunehmen. Leistung ist positives Ergebnis von Anstrengungsverhalten. Leistung zu fördern und zu fordern, ist richtig und normal. Und genau so gilt es, jeden Einzelnen anzunehmen und zu fördern, der keine Leistung erbringt und/oder erbringen kann.

Wenn eine neue junge Generation auf das Leben der etablierten Erwachsenen schaut, dann stößt sie sich oft an der Enge dieses durch Leistung bestimmten Daseins und seines leistungsbezogenen Wertekanons. Und immer wieder bricht die Frage neu auf: Ist das wirklich alles, was Leben ist? Es ist das Vorrecht der jungen Menschen auf dem Sprung in die gesellschaftliche Verantwortung, jedes Mal wieder die Balance der Gesellschaft zwischen Leistung und dem freien Spiel aller anderen menschlichen Möglichkeiten zu hinterfragen, zu stören und anzugreifen. Denn es gibt keine endgültigen Antworten, sondern im besten Fall die nie versiegende Neugierde auf die unzähligen Möglichkeiten, das Leben lebenswert zu gestalten.

Und nun kommen wir zurück zum angekündigten Thema. Jede junge Generation wird massiv mit dem Leistungsprinzip konfrontiert. Wenn die Kinder die Schule betreten, begegnet ihnen auf Schritt und Tritt die Bewertung ihrer Leistung, ob mit Smilies oder später mit Noten. Wie immer man die Beurteilungen vornimmt, es ist eine Beurteilung von Leistung. Und schon sind wir mitten in der Diskussion, wie viel Leistung sein muss und sein darf.

Einer der bekanntesten Pädagogik-Wissenschaftler (Klafki) formuliert Leistung aus pädagogischer Sicht als „Ergebnis und Vollzug einer zielgerichteten Tätigkeit, die mit Anstrengung verbunden ist und für die Gütemaßstäbe anerkannt werden". Und somit geht Leistung automatisch mit Leistungsbeurteilung einher. Um die Zielsetzung erreichen zu können, wird „ein hohes Maß an Anstrengung und spezifischem Können" erwartet. In Bezug auf schulische Leistung definiert sich der Begriff Leistung als ein „von der Schule gefordertes und vom Schüler zu erbringendes Ergebnis seiner Lerntätigkeit".

Die erste Frage lautet, wie ein erfolgreiches Leistungsverhalten gefördert werden kann. Und die zweite Frage ist, inwieweit Beurteilungen und also über kurz oder lang Noten als Förderung tauglich sind. In der Realität der Schule kehrt sich die Argumentationskette dabei um, und die Notengebung steht im Mittelpunkt. Von Schülern und Eltern wird diese zu häufig als ungerecht empfunden, Lehrkräfte sind ganz ungeachtet ihrer persönlichen Meinung in diesen Referenzrahmen gezwungen. Die amtlichen Definitionen der Noten im niedersächsischen Schulgesetz helfen nicht weiter.

Ein Beitrag für denkbar anders verschafft der Autorin - selbst wenn sie Schulleiterin ist - die Glück bringende Situation, den, wie Kant es nennt, öffentlichen Gebrauch der Vernunft praktizieren zu dürfen. Das heißt, es geht nicht um die Rechtfertigung der Leistungs- und Leistungsmessungssysteme, die zurzeit in Schulen benutzt werden, sondern es geht allein um die Überlegungen, wie es Sinn machen kann!

Denn die übliche Notengebung erregt mehr Zweifel als Sicherheit, zumindest wenn man auf Objektivität aus ist. Zu all diesen Fragen gibt es zahlreiche wissenschaftliche empirische Untersuchungen mit ähnlichen Ergebnissen (vgl. Ingenkamp, Karlheinz: Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung. Beltz 1995 und Weinert, Franz E. Hrsg: Leistungsmessungen in Schulen Beltz 2002). Fachspezifisch wird sehr unterschiedlich zensiert; das heißt es gibt so etwas wie harte und weiche Fächer. Das Leistungsniveau einer Klasse bildet immer wieder den Referenzrahmen, in dem die Notengebung gemittelt wird. Hinzu kommen Erwartungseffekte auf Seiten der Lehrkräfte, ob dies die Leistungsfähigkeit eines Schülers, seine soziale Stellung oder sein Geschlecht betrifft. Selbst das Geschlecht der Lehrkräfte geht als Größenordnung in die Notengebung ein.

„Zusammenfassend kann auf der Grundlage der genannten und weiterer Untersuchungen gesagt werden, dass die Zensuren weder in ausreichendem Maße Objektivität (Durchführungs- und Auswertungsobjektivität) noch Reliabilität (Zuverlässigkeit einer Messung, Anmerkung der Autorin) und Validität (Eignung eines Messverfahrens, Anmerkung der Autorin) beanspruchen können und „weder die pädagogischen noch gesellschaftlichen Aufgaben der Leistungskontrolle mit der heute möglichen Genauigkeit und Güte erfüllen können" (INGENKAMP 1985a, 1979).

Der Prozess der Notengebung muss damit als Schätzverfahren und die Zensur als subjektives Schätzurteil auf vorwissenschaftlichem Niveau bezeichnet werden. Das eigentliche Messinstrument ist nicht die vorgegebene Zensurenskala, sondern die jeweils urteilende Lehrkraft. Als pädagogische Hilfen zur individuellen Lernförderung und Verbesserung von Lernprozessen sind Zensuren mehr als fragwürdig und problematisch. Für didaktische, curriculare Entscheidungen bedarf es unbedingt der Ergänzung durch differenzierte Beurteilungsformen (Eiko Jürgens „Leistung und Beurteilung in der Schule" Academia Verlag, 2. Auflage 1995, S.59).

Zensuren erfüllen also nicht die in sie gesetzten Erwartungen. Weil sie so vielen Einflüssen unterliegen, ist es auch problematisch, aus ihnen Verteilungskriterien zu gewinnen für den Zugang zur Universität, für Stipendien oder anderes.

Es ist Zeit, noch einmal genau festzuhalten, worin die Schwierigkeit der Notengebung liegt. Das Instrument, das geradezu das klassische Äquivalent zum Leistungsbegriff ist, erfüllt nicht den Anspruch, Leistung objektiv fair zu beurteilen. Dazu müsste es ein objektives Messkriterium sein. Nun könnte man auf die Objektivität weniger Gewicht legen, aber den Anspruch erhe-
ben, dass aus den Noten methodisch - didaktisch sowie pädagogisch - Hilfen zur Förderung des Leistungsverhaltens
zu generieren sind. Dies gelingt aber nicht, weil das Verfahren nicht individuell ist. Und weil es also beides nicht ist, weder objektiv noch individuell, ist es wirklich schwierig.

Auf den ersten Blick scheint man, sofern man der Logik und nicht der Politik folgen will, als Konsequenz zwei Wege beschreiten zu können. Entweder wird die Leistungsmessung tatsächlich standardisiert, das heißt es werden quasi „geeichte" Tests ausgegeben, deren Beurteilung schon vorab in einer Skalierung festgehalten ist. Damit würden wir die Frage der Objektivität klären und man hätte ein verlässliches Ranking über das in Tests verlangte Leistungsvermögen von Schülern. Oder wir konzentrieren uns auf das individuelle Feedback für jeden und jede Einzelne und verzichten komplett auf den Anspruch von Objektivität.

Genauso schnell aber muss man diese Alternative verwerfen. Denn der erste Weg wird Kindern und Jugendlichen in ihrer Entwicklung nicht gerecht (und wohl Menschen überhaupt nicht gerecht). Denn objektive Messung ist überhaupt nicht gleichbedeutend mit gerechter Behandlung. Und der zweite Weg funktionierte nur, wenn die Zugänge zu allen Bildungslevels inklusive Universität nicht von Noten abhängig wären, was sie aber sind.

Nicht umsonst wurde zu Beginn über den Zusammenhang von Leistung und Menschenbild gesprochen. Leistung gehört zum ganz normalen Menschenleben. Leistung zu erbringen heißt, genau das zu tun, was einem als Schuldigkeit auferlegt ist. Unsere Schuldigkeit ist nichts anderes als die Gestaltung der Welt und zwar als eine „lebbare" und lebenswerte Welt für alle. Das geht nur mit Leistung. Ebenso haben wir gesehen, dass Menschsein mehr und anderes ist, als zu leisten, und der Wert eines Men-
schen eben nicht von seiner Leistung abhängig ist. Das akzeptieren wir relativ leicht bei denjenigen, die durch Krankheit oder Schicksal leistungsunfähig sind. Viel schwerer ist es mit allen, bei denen uns der Verdacht beschleicht, dass sie sehr wohl leisten könnten, wenn sie es nur wollten. Mit diesem Zwiespalt müssen die Leistungsträger leben. Und sich hoffentlich an all den Blumen freuen, die auch ihr Leben bereichern, und nicht darüber bitter werden, dass es mit Sicherheit auch sozusagen „Schulschwänzer" des Lebens gibt. Und vor allem im Bewusstsein behalten, dass nie objektive Beurteilungen zu treffen sind, wenn es um so etwas wie gerechte Anforderungen an jeden geht. Und da schließt sich der Kreis auch zu dem, was über die Noten zu sagen war.

Gibt es also einen dritten Weg?
Eigentlich ergibt sich dieser dritte Weg ganz leicht. Es besteht ganz einfach im Akzeptieren der beiden Wege gleichzeitig und in einer aufrichtigen Praxis. Weil Leistung akzeptiert ist, wird Leistungsmessung akzeptiert und so objektiv wie möglich durchgeführt. Das heißt, grundsätzlich werden immer standardisierte Tests verwendet, wenn eine Note als Beschreibung eines definierten Leistungsvermögens gefunden werden soll. Wenn es aber um Gestaltung von Bildung und Erziehung geht, dann ist der differenzierte Blick des Pädagogen gefragt, um das geeignete Setting zu bestimmen, das dem Einzelnen hilft, den nächsten Entwicklungsschritt zu vollziehen. In der Leistungsmessung gibt es also Noten. Und es ist Aufgabe von Eltern und Pädagogen, diese Beurteilungen als etwas ganz Normales einzuschätzen und Kindern wie Jugendlichen zu kommunizieren.

Das Leben jedes Einzelnen wie der Gesellschaft spielt in dem Zwischenraum von Tatsachen, die zu akzeptieren sind, und Möglichkeiten, die gestaltet werden können. Das fängt bei den Genen und der Gesundheit an und hört bei der Gestaltung von Freizeit auf. Was die Tatsachen angeht, ist das Leben nicht gerecht. Lebenswert wird es durch die persönliche und gesellschaftliche Perspektive, dass auf dem Boden von Tatsachen wie auch jenseits aller Tatsachen Wertvolles gestaltet werden kann.

Noten werden als objektive Messung einer Leistung in standardisierten Tests dokumentiert. Das sind Tatsachen. Leben müssen wir eine Haltung, in der Wertschätzung unmittelbar und immer für jedes einzelne Kind, für jeden einzelnen Menschen fühlbar und fassbar ist. Nur so ist glaubhaft, dass der Wert des Einzelnen sich nicht aus seiner Leistung ergibt, und dass Zukunft immer möglich ist, mit exzellenter oder mittelmäßiger oder schwacher Leistung.
Und nur so ist ebenfalls glaubhaft, dass jeder Schritt in der Entwicklung eines Menschen wertvoll ist, unabhängig vom
Vergleich mit allen anderen. Zeugnisse müssen beide Seiten gleich stark wiedergeben, um die Bedeutung zwischen objektiven Messergebnissen und individueller Entwicklung der Balance zu halten.

Das Leben und Lernen in einer Schule wird zwischen Menschen gestaltet. Förderung für die Entwicklung der Persönlichkeit wie für die Leistungsfähigkeit gibt es nicht ohne Beziehung. Die Erwachsenen, Eltern und Pädagogen, tragen in dieser Beziehung die Verantwortung für das Klima, damit Kinder individuell wachsen können. Und zwar unbeschadet der Klarheit, mit der Leistung und Leistungsanforderung eine Rolle spielen. Wir brauchen das Essen zum Leben, aber wir leben nicht vom Mittagessen. Wir leben aus der Akzeptanz der Mehrdimensionalität alles dessen, was das Leben lebenswert macht und das Menschsein in seine Fülle bringt. Leistung ist wichtig und das Leben ist groß.
 
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