Kulturelle Bildung
Ausgabe 1 - 2011
KULTURELLE BILDUNG: IHRE ZUKUNFT, VORAUSSETZUNGEN, PROBLEME UND LÖSUNGSANSÄTZE
BILDUNGS-„MENÜ“ STATT „KINDERTELLER“

  Obwohl „Kulturelle Bildung“ in aller Munde ist und gefördert werden soll und ja auch schon wird, stößt ihre Umsetzung an Grenzen. So stellt es nach wie vor ein Problem dar, sie vollends in den Schulunterricht zu integrieren. Es fehlt entweder an Zeit, Fachkräften oder der nötigen Verzahnung von Schule und kulturellen Institutionen. Eine weitere Alternative, die der Jugend das Thema Kultur näherbringt, liegt im Bereich der außerschulischen kulturellen Bildung. Künstlerische Hobbys, Theater- und Ausstellungsbesuche stehen zunehmend höher im Kurs der Jugendlichen. Aber auch hier zeigt sich ein Problem: Das Angebot ist oft zu klein, und die Nachfrage dafür vermehrt zu groß. VON WOLFGANG SCHNEIDER

Der Klage über eine „kulturresistente" Jugend fehlt in dieser Allgemeinheit jede sachliche Begründung. Angebote der Kinder- und Jugendkulturarbeit verzeichnen kaum Akzeptanzprobleme.

Der Vielfalt der Angebote stehen ein ungebrochenes Interesse ihrer Rezipienten sowie eine Ausdifferenzierung des Nutzerverhaltens gegenüber. Der Anteil junger Menschen, die künstlerischen Hobbys nachgehen oder Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst besuchen, nimmt zu.

Das Interesse an künstlerischer Aktivität ist insgesamt vielfältiger geworden. Musik- und Jugendkunstschulen verzeichnen lange Wartezeiten, die aufgrund finanzieller Restriktionen auch nicht kurzfristig abgebaut werden können. Trotzdem ist festzustellen, dass es Zugangsbarrieren zur Kulturellen Bildung gibt und Teilhabegerechtigkeit zum großen Teil nicht besteht.

Das Jugendkulturbarometer zeigt eindrucksvoll, dass insbesondere für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten Zugangsbarrieren bestehen. Unter dem Diktat der Kostendeckung wird aber zudem in jüngster Zeit an der Gebührenschraube gedreht. Trotz der Eigenbeteiligung in Form der Unterrichtsgebühren ist eine Förderung des Unterrichts durch Landes- und kommunale Mittel unumgänglich, um nichtelitäre musikalische Bildung möglichst vielen Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen. Schon heute ist der Zugang zu Kultureller Bildung zu sehr vom allgemeinen Bildungsniveau abhängig; je höher das Bildungsniveau, desto intensiver werden auch kulturelle Bildungsangebote wahrgenommen.

Die Veröffentlichung der PISA-Studie und das schlechte Abschneiden deutscher Schüler im internationalen Vergleich zeigen, dass es nicht genügt, Kindern und Jugendlichen den „Kinderteller" an Bildung und Kultur zu reichen. Sie brauchen ein ernsthaftes, komplexes Angebot dessen, was das Bildungs-„Menü mit Vorspeise und Dessert" bietet, wie die Verantwortlichen des Kinder- und Jugendtheaters der Stadt München zu Recht fordern: „Wer Kinder und Jugendliche an den Katzentisch setzt, bekommt durch PISA die Quittung", heißt es hierzu auf der Website der „Schauburg" des Theaters der Jugend in München.

Im Theater treten die Künste in Wechselwirkung. Die Theaterkunst bietet dem Rezipienten vielschichtige Wahrnehmungsreize und komplexe Angebote zum Interpretieren und Entschlüsseln von körperlichen Gesten, sprachlichen Symbolen und szenischen Zeichen. Es knüpft damit an das natürliche Interesse von Kindern und Jugendlichen am Dechiffrieren und Enträtseln an und aktiviert den Zuschauer geistig. Die so geübte Zuschaukunst ist eine besondere Form des kritischen und analytischen Denkens, eine Fähigkeit, die Kinder und Jugendliche heute in Bildung und Ausbildung und später im Beruf und im Leben benötigen.

Es sind insbesondere die Kinder- und Jugendtheater, die als integraler Bestandteil der Kulturellen Bildung in Deutschland diesen Bildungsauftrag wahrnehmen und als außerschulische Lernorte in enger Vernetzung mit Schulen agieren. Es sollte zur Norma-lität werden, dass die Angebote der Theater von den Lehrern verantwortungsvoll wahrgenommen und produktiv zum integralen Bestandteil des Curriculums gemacht werden. Außerdem erreicht das Kinder- und Jugendtheater mit Schulaufführungen alle sozialen Schichten einer Altersgruppe und ermöglicht auf diesem Wege den chancengleichen Zugang zu kulturellen Angeboten.

Doch die Kunsteinrichtungen sollten auch den individuellen Theaterbesuch von Kindern und Jugendlichen mit Eltern oder Freunden fördern. Denn Kinder- und Jugendtheater ist ein Theater der Generationen und das Theater als eine soziale Kunst ist auch ein Ort der menschlichen Begegnung und des Austauschs über die Gesellschaft.

Das Freiwillige Soziale Jahr Kultur

Das Freiwillige Soziale Jahr Kultur, bei dem nur jeder zehnte Bewerber einen Platz erhält, ist ein eindrucksvoller Beleg für das kulturelle Interesse der Jugend.

Es hat sich seit dem Start 2001 unter dem Motto „Rein ins Leben!" binnen kurzem vom Modellprojekt zum Markenzeichen entwickelt.

Initiator des zunächst dreijährigen Bundesmodellprojekts war die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V., unterstützt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSF) und privaten Förderern.

In der Stadt Wolfsburg sind seit September neun FSJKler in Institutionen wie der Städtischen Galerie im Schloss, der Wolfsburger Figurentheater Compagnie, dem Geschäftsbereich Kultur der Stadt, dem Theater und weiteren Einrichtungen beschäftigt.

Von der Vielfalt kultureller Arbeitsfelder und den Chancen, Kulturprojekte eigenverantwortlich zu realisieren, profitieren Jugendliche, Einrichtungen und die Gesellschaft gleichermaßen. Das FSJ Kultur motiviert einerseits kulturelle Einrichtungen, für freiwilliges Engagement junger Menschen aktiv zu werden. Es bietet andererseits die Chance, schon junge Menschen an kulturellen Prozessen vor Ort teilhaben zu lassen. Diese frühe Heranführung an die Kultur und der Einblick in die Möglichkeiten kreativer Arbeit im Kulturbereich schaffen langfristige Bindungen.

Eigene Erfahrungen sensibilisieren für die Probleme der Kulturschaffenden und vermitteln ein Gespür für den marktwirtschaftlich-finanziellen Druck und auch für die leider mancherorts vorhandene kommunale Infragestellung von Kultureinrichtungen. Das FSJ Kultur unterstützt junge Menschen nachhaltig bei der Suche nach Perspektiven, persönlicher Identität und beruflicher Orientierung. Das gemeinsame Lernen mit Anderen und die Arbeit im Team einer kulturellen Einrichtung ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Es fördert soziale Schlüsselkompetenzen wie Eigenverantwortung, Kommunikationsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Verantwortungsbewusstsein, Belastbarkeit, Teamfähigkeit, Kreativität, Leistungsbereitschaft.

Was ist zu tun?
Kulturelle Bildung ist unverzichtbarer, integraler Bestandteil von Bildung wie von Kultur und eine Querschnittsaufgabe verschiedener Politikfelder. Die Enquệte-Kommission empfiehlt Bund, Ländern und Kommunen, gleichberechtigt in die Kulturelle Bildung zu investieren; insbesondere in der Früherziehung, in der Schule, aber auch in den außerschulischen Angeboten für Kinder und Jugendliche sollte Kulturelle Bildung gestärkt und schwerpunktmäßig gefördert werden.

Eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen macht den verschiedensten Politikfeldern in Bund, Ländern und Kommunen Vorschläge, Kulturelle Bildung als vordringlichen Förderbereich zu etablieren. Eine Bundeszentrale für Kulturelle Bildung soll innovative Konzepte entwickeln, die Vernetzung der Akteure anstreben und Projekte fördern.

Die bundesweiten Wettbewerbe wie „Jugend musiziert", das „Treffen junger Autoren" und das „Theatertreffen der Jugend" sollen ebenso gestärkt werden wie das Freiwillige Soziale Jahr Kultur und der Bundeskinder- und Jugendplan.

Die Kultur- und Bildungseinrichtungen werden aufgefordert, Kooperationsverträge zu vereinbaren, die Hochschulen werden angeregt, Kulturvermittlung in den Curricula zu verankern. Den Ländern wird empfohlen, die Fächer der Kulturellen Bildung qualitativ aufzuwerten. Ein Sondervotum fordert sogar einen eigenen Lernbereich, der Kunst, Musik, Theater, Film und Literatur miteinander vereint. Schulchöre, Schülerbüchereien und Schultheatertage sollen besondere Förderung erfahren.

Dem Kinder- und Jugendtheater sollen interkulturelle, interdisziplinäre und internationale Produktionen sowie Kinder- und Jugendtheaterfestivals zur Begegnung mit allen Künsten und Kulturen ermöglicht werden. Öffentlich geförderte Kultureinrichtungen sollen per Bewilligungsbescheid verpflichtet werden, einen angemessenen Teil des Angebots für Kinder und Jugendliche zur Verfügung zu stellen; Museen, Opern und Kulturzentren sollen einen Teil ihrer Fördermittel zielgerichtet für Zwecke der Kulturellen Bildung erhalten.

Die Enquête-Kommission empfiehlt den Ländern, durch gesetzliche Regelungen die kulturelle Infrastruktur im Bereich der außerschulischen Kulturellen Bildung in ihrem Bestand zu garantieren. Dies gilt besonders für das Musik- und
Jugendkunstschulwesen, das bisher nur in wenigen Bundesländern gesetzlich gesichert ist. Ansatzpunkte gibt es hierfür in den Schulgesetzen der Länder und in den Jugendbildungsgesetzen. Dabei sollte die Qualitäts- und Bestandssicherung der Infrastruktur Kultureller Bildung Zielsetzung sein.

Angebote der Kulturellen Bildung aus dem rechtlichen Status der „freiwilligen Leistung" herauszuführen, sollte auch mit Blick auf die Gestaltungsfreiheit der Kommunen entscheidendes Element gesetzlicher Regelungen sein. Denn gerade bei knappen Kassen sollten die Kommunen ihrer Verantwortung für die Kulturelle Bildung nachkommen können.

Hilfreich ist dabei immer wieder, auf die Definition des Deutschen Kulturrates zurückzugreifen, die der Dachverband der Kulturverbände 2004 einmal als Kulturpolitik für Kulturelle Bildung formulierte: Kulturelle Bildung könnte zu einem zentralen Politikfeld avancieren. Die Notwendigkeit ist evident, die Chancen sollten genutzt werden. Denn wie sagte schon der Philosoph Walter Benjamin: „Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist." n

Weitere Informationen unter:

http://www.kulturrat.de/text.php?rubrik=84
Informationen zur Enquête-Kommission „Kultur in Deutschland"

http://www.kinderzumolymp.de
Die Bildungsinitiative „Kinder zum Olymp"

http://www.hgbastian.de/
Die Internetseite des Musikpädagogen
Hans Günther Bastian

http://www.shell.de/home/content/deu/aboutschell/media_centre/news_and_media_releases/2010/youth_study_2010.html
Die aktuelle Shell-Jugendstudie vom 14. September 2010

http://www.schauburg.net/
Schauburg, das Theater der Jugend

http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BenjaminWalter/

Biographie des Philosophen
Walter Benjamin

Den ersten Teil dieser Ausgabe lesen Sie in der „denkbar anders" Ausgabe November 2010 (www.denkbaranders.de)
 
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