Kultur
Unsere Welt 2.0

Im Land der Ureinwohner

Eingeborene sind die Ureinwohner eines Landes. Diejenigen, vor denen niemand war; zumindest niemand, der uns bekannt ist. Meistens erging es ihnen schlecht, wenn Einwanderer kamen. Die Einwanderer hatten nämlich etwas, was sie nicht hatten: Technologie, meistens eingesetzt in der Ausformung von Waffen. Wenn die Eingeborenen nicht innerhalb kürzester Zeit ausgerottet waren, wurden ihnen Reservate zugewiesen, in denen sie ein kümmerliches Leben führen durften nach den einschränkenden Vorgaben ihrer neuen Herrscher.

Verkehrte Welt in der Welt 2.0: 

Hier „herrschen“ die Eingeborenen, ihr Land ist die gesamte Erde. Und die Einwanderer befinden sich plötzlich in Reservaten, die allerdings nicht lokal zu bestimmen sind, sondern allein nach der absteigenden Reihe der Geburtsjahrgänge. Oft merken sie gar nicht, dass sie solche Reservatsbewohner sind. Doch auch das ist nur eine Frage der Zeit. Die neue Kultur ist schon dominant und sie wird sehr schnell in ihren Wirkungen für die Wahrnehmung aller dominant werden. Dem kann sich keiner verschließen. 

von Ursula Hellert

Drastische Vergleiche muss man wählen, um das Ausmaß an Veränderung deutlich zu machen, das uns die „Digitale Welt 2.0“ beschert hat. Tatsächlich ist die Perfektform angebracht, denn die Veränderungen werden nicht erst geschehen, sie sind es schon. Auch wenn alle Folgen noch lange nicht mit dem bloßen Auge erkennbar sind.

Vielleicht würde der Leser den Vergleich mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert erwarten. Der aber wird nicht herangezogen. Vielleicht wäre er treffend, vielleicht aber erzeugt er noch zu nahe liegende Assoziationen. Nämlich die, dass etwas schon Vorhandenes durch diese Erfindung zur Massenware und all-verfügbar wurde. Und das war’s. Aber das war’s eben nicht, nicht bei der Erfindung des Buchdrucks und erst recht nicht bei der Entwicklung des web2.0. 

Deshalb ein anderer Vergleich. Dass uns Energie immer zur Verfügung steht, hat unsere Welt nicht irgendwie verändert, sondern unsere Kultur ist substantiell dadurch bestimmt. Unsere Tätigkeiten beispielsweise bestimmen sich nicht nach der Helligkeit draußen, sondern nach völlig anderen sozusagen inner-gesellschaftlichen oder inner-kulturellen Kriterien. Unsere Mobilität hängt direkt mit der Energieressource zusammen.

Und doch muss man vielleicht sogar einen noch radikaleren Vergleich wählen. Als der Mensch das Feuer zu bändigen lernte, wurde die Welt eine andere.

Unsere gesamte weltweite Entwicklung hängt mit diesem Schritt zusammen. Auf der ganzen Welt wurde Menschsein möglich im Sinne der Steuerung des eigenen Lebens oder der eigenen Lebensressourcen. Und damit konnte die Erde menschlich besiedelt werden. 

Diese Vergleiche zeigen auch, dass es überhaupt nicht darum geht, die Veränderung „gut oder schlecht zu finden“. Sie muss erst einmal wahrgenommen werden. Dass jede epochale Veränderung Risiken und aktuelle Gefahren für die alte Gesellschaft erzeugt, liegt auf der Hand. Dass sie aber auch positiv entwickelnd das Gesicht der Erde verändert, zeigt sich erst später, oder sogar erst der nächsten oder übernächsten Generation. Aber die gewählten Vergleiche sprechen da für sich selbst.

Die Eingeborenen, die im Mittelpunkt dieser Betrachtungen stehen, sind die sogenannten Digital Natives (für den Begriff digital native vgl. http://www.marcprensky.com/ ).

Das Jahr 1980 markiert den Unterschied von drinnen oder draußen, also Native oder Immigrant in der digitalen Welt. Ob das Jahr nun trennscharf ist, mag diskutiert werden. Sicher aber ist, dass die Generationen mit Geburtsdatum nach 1980 die ersten sind, die sich von Anfang an in einer Welt bewegt haben, die digital war und ist. Das WWW (World Wide Web) startete seinen Siegeszug 1991. Dann dauerte es nur noch einige Jahre, bis auch für den Normalverbraucher Browser zur Verfügung standen.

Social Networks verbreiten sich epidemisch seit der Jahrtausendwende. Und junge Menschen mit Internet fähigem Mobiltelefon in der Hand sehen wir täglich massenhaft. Aber in einem Zug oder auch in einem Restaurant – so mögen Sie einwenden -, sind ebenso viele Menschen über dreißig mit Handy zu sehen. Und doch gibt es – im Regelfall – einen gravierenden Unterschied. Wir Älteren lieben das Handy als wunderbares mobiles Telefon mit zunehmend weiteren Funktionen. Aber das Handy ist nicht unsere soziale Kommunikation.

Wer in den 60ern und 70ern jugendlich war, musste seine Freunde real treffen, um mit ihnen zu kommunizieren. Oder Briefe schreiben, aber das war eher die Variante der Erwachsenen. Man wusste allerdings genau, wo wer wann zu treffen ist. Die sozialen Plätze waren bekannt. Die Autorin war in den 70ern Studentin. Ihre Eltern konnten sie kurzfristig gar nicht erreichen, denn selbstverständlich gab es kein Telefon in den Studentenbuden. Aber auch sie konnte ihre Eltern nicht erreichen, denn auch in deren Haushalt in einem kleinen Dorf hinter dem Wald war noch kein Telefon eingezogen. Aber die Schwestern waren schon an ihrem Arbeitsplatz im Notfall telefonisch erreichbar. Zugegeben war die gute Seite dieser Situation, dass mit der Nicht-Erreichbarkeit auch die permanente soziale Kontrolle entfiel. Wer in den 80ern und danach Teeny war, konnte sich nach der Schule sofort ans Telefon hängen und mit seinen Freundinnen weiterreden (das war wohl stärker eine soziale Kommunikation von Mädchen im Sinne der Verlängerung von „gehst du mit aufs Klo?“). Manche Leser und vor allem Leserinnen werden sich noch erinnern, dass dieses seuchenhafte Telefonieren einer der beständigen Konfliktpunkte zwischen Eltern und jugendlichen Kindern war.

Nicht nur war dadurch das eine – aber inzwischen selbstverständliche - Telefon der Familie blockiert; sogar die Dauer der Gespräche spielte eine Rolle, denn schließlich wurden die Einheiten für die Höhe der Telefonrechnung gezählt.

Aus dem einen Telefon wurde zunächst eines mit Verlängerungsschnur, so dass jeder in seinem Zimmer telefonieren konnte. Und dann kamen die Apparate mit Basisstation und mehreren angeschlossenen tragbaren Geräten. Und jetzt das Handy.

Aus dem Fenster des Büros kann die Autorin täglich beobachten, wie die meisten Schüler und Schülerinnen sofort nach Verlassen des Schulgeländes (innerhalb ist Handy-Gebrauch nicht erlaubt) ihr mobiles Telefon zücken und telefonieren. Aber telefonieren sie? Oder schicken sie eine SMS? Oder hören sie Musik, googeln oder lesen sie ihre Mails? 

Eine Nebenbemerkung. Welche Bedeutung mediale Präsenz für die Jugendlichen hat, mussten Autohersteller lernen. Das Auto steht nämlich nicht mehr wie immer in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts auf Platz 1 der Liste derjenigen Besitztümer, die Jugendliche am heißesten begehren. Kenner machen dafür vor allem verantwortlich, dass die großen Hersteller es lange Zeit verpasst haben, das Auto und die digitale Gegenwart rechtzeitig miteinander zu verbinden. Viele Autos funktionieren zum Beispiel noch mit CD Player. Jugendliche hören ihre Musik aber mit dem iPod. Und den kann man nicht in jedem Auto so leicht anschließen, Bluetooth oder USB-Verbindung sind Voraussetzung. Ein unsinniges System in den Augen vieler Digital Natives.

Das eine war also die Entwicklung der Telefone zu Handys, das andere die Revolution des WWW. Und das Dritte war die Kombination der mobilen Geräte mit dem World Wide Web. Jetzt hat jeder jederzeit mit jedem Kontakt; die reale Beziehung findet irgendwo im Netz statt, nicht mehr zwingend im physischen Leben.

Gelebt wird online; real gelebt, auch wenn die Digital Immigrants eine andere Definition vom realen Leben haben als die nach 80er. Eine Unterscheidung von Online und Offline ist für Digital Natives völlig irrelevant. Nicht einmal veraltet, sondern einfach gegenstandslos. 

Was ist real, was ist wirklich? Die Wirklichkeit ist genauso medial greifbar, wie sie es physisch war und ist. „Was die Welt im Innersten zusammen hält“, muss noch einmal neu beantwortet werden. 

Für Eltern und Pädagogen gilt es anzuerkennen, dass sie Immigrants in der Welt ihrer Kinder und Schüler sind. Sie werden keine Digital Natives und müssen es nicht. Aber sie müssen die Welt ihrer Kinder und Schüler so weit kennen und sich in ihr auskennen, dass sie mit den Jugendlichen über diese Welt kommunizieren können. Zugewandte verantwortliche Erwachsene werden gebraucht, wie sie immer gebraucht wurden. Das setzt aber voraus, dass diese Erwachsenen sich für die reale Welt ihrer jugendlichen Kinder interessieren. Und diese Welt ist nicht auch digital, sie ist ganz und gar digital. 

Wie faszinierend und doch auch selbstverständlich für jeden jungen Menschen, die Welt mit ihren Informationen, Bildern und allen sozialen Kontakten 24 Stunden am Tag bei sich zu haben und in ihr zu agieren. Dafür stehen unzählige Möglichkeiten zur Verfügung, sich selbst auszuprobieren und die eigene Identität zu formen. Und dieses Thema ist ein Kernthema dieser Lebenszeit zwischen zehn und zwanzig.

„In Identitätsbeschreibungen stecken zwei Grundbemühungen des Individuums, nämlich die Bemühung, sich selbst zu erkennen und das Bestreben, sich selbst zu gestalten, an sich zu arbeiten, sich zu formen. Damit sind Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung die zwei Prozesse, die Identitätsentwicklung vorantreiben.“ (Oerter, Montada, Hrsg.: Entwicklungspsychologie. Weinheim, Basel, Berlin 2002, S. 292)

Im Jugendlichenalter können sich Selbstbeschreibungen dramatisch ändern, abhängig davon, inwieweit der junge Mensch eher im Status von Krise oder stärker in einer durch Bindung (Verpflichtung) gekennzeichneten Phase lebt, beziehungsweise diese letztere gerade erkundet (Exploration).

Insgesamt gilt, dass im Gegensatz zum Kindesalter im Stadium der Adoleszenz Realbild (wie man ist) und Idealbild (wie man sein möchte) genauer erkannt und vor allem genauer getrennt werden können. Erst Jugendliche lernen nach und nach, sich ebenso mit den Augen ande- rer zu sehen. Das ist für die bewusste Entwicklung ihrer sozialen Identität ein wichtiger Schritt. Identität ist das Ergebnis von Entwicklungsarbeit, eigene Entwicklungsarbeit im Spiegel und Einwirkungsradius der anderen, vor allem der Familie und der Peers. Wer will man sein? Sie kennen vermutlich den zum Slogan avancierten Buchtitel „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“

Das Netz eröffnet den Digital Natives unbegrenzte Identitätsvielfalt durch die Erschaffung sogenannter Avatars. Avatar bedeutet ursprünglich die irdische Inkarnation einer Gottheit in Tier- oder Menschengestalt. „Second Life gehört zu den viel versprechendsten virtuellen Welten. Ist eine 16-Jährige erst einmal in diese Welt eingetaucht, kann sie ihre Avatars ganz frei erschaffen, wobei Gestaltung und Aussehen des Avatars oftmals ein wesentlicher Aspekt des „Daseins“ in dieser Welt sind.

Second Life stellt Hilfsmittel zur Verfügung, die es den Usern ermöglichen, das Aussehen ihres Avatars bis ins Detail zu beeinflussen, von der Kleidung über die Hautfarbe bis hin zur Form der Nase.“ (Palfrey, Grasser 2008. 33)

Der Avatar handelt im Netz in Netzwerken mit anderen Avatars. Jeder User kann ein solches Bild von sich erschaffen, oder zwei oder unendlich viele. So einfach ist es, viele zu sein. Aber so schwer ist es auch, das irgendwie wieder los zu werden, was man einmal von sich preisgegeben hat – real oder künstlich. Das Netz vergisst nicht. Niemals. Vermutlich würde schon heute jeder erschrecken, wenn er die Menge der gesammelten Daten zur eigenen Person einmal kompakt präsentiert bekäme. Das gilt für alle, Digital Native oder nicht. Viele Menschen sind sogar sorglos bezüglich der Frage der Öffentlichkeit, die ihre – überwiegend sogar selbst eingestellten – Daten erlangen. Jugendliche vielleicht noch mehr. 

Es geht um Privatsphäre, es geht um Sicherheit. Für Jugendliche ist es entscheidend, welche Positionen die für den Jugendlichen wichtigen Erwachsenen einnehmen. Für die meisten Jugendlichen sind dies die Eltern und die Lehrer. Sie können etwas dazu sagen und sie haben etwas dazu zu sagen. Damit sie aber gehört werden, darf die Kluft zwischen ihren Digital Natives und ihnen selbst nicht unüberwindbar groß sein. Wenn die Erwachsenen nicht wissen, was das web2.0 ist und welche Möglichkeiten ihre Digital Natives in diesem Netz haben, dann nützt ihre ganze Lebensklugheit nichts. Um die aber ginge es hier wie in vielen anderen Fragen.

Es gibt also eine to do Liste für die Erwachsenen, die Erziehung so verstehen, dass sie eine Wirklichkeit mit ihren Kindern und Schülern teilen und teilen wollen. Die Teile müssen dabei nicht gleich sein, aber es müssen schon Teile einer Wirklichkeit sein. Es geht nicht darum, so gut zu sein wie die Kids. Das wäre für fast alle Erwachsenen auch ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Natürlich werden unsere Kinder und Jugendlichen uns Erwachsenen zeigen können und müssen, was so alles geht in der digitalen Welt. Wenn auf der Empfän- gerseite wirkliches Interesse steht, sind genau dadurch schon gute Voraussetzungen geschaffen für einen Austausch.

Eltern und Lehrkräfte müssen Immigrants werden im Land der Digital Natives. Und sie müssen sozusagen den Sprachtest bestehen und das Grundwissen erwerben, um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten.

An diesem Aufenthalt in der Welt des web2.0 geht kein Weg vorbei, wenn man es wirklich ernst meint mit der jungen Generation. Zugewandtheit, Orientierung und emotionale Heimat, trotz aller normalen Konflikte zwischen den Generationen brauchen die jungen Menschen ihre Erwachsenen genau dafür. Eltern und Lehrer dürfen diese Partizipation an der Welt der jugendlichen Kinder nicht aufgeben. Ansonsten riskieren sie, dass ihre Kinder sich so verloren und verlassen fühlen, wie einst James Dean in „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Die Gefühle sind dieselben, damals wie heute, die Handlungsfläche ist eine ganz andere. Aber mit demselben Thema: „Interessieren sich meine Eltern, meine Lehrer, überhaupt für die Welt, in der ich lebe? Oder ist ihnen das ganz egal; bin ich ihnen ganz gleichgültig?“ 

Nehmen wir das einfache Beispiel des Kontaktes zu unbekannten Personen im Netz. Immer haben Eltern ihren Kindern Grundregeln von Vertrauen und gesundem Misstrauen vermittelt und Möglichkeiten, sich zu schützen und bei Gefahr Hilfe zu suchen. Dieselben Grundregeln funktionieren auch, wenn es um digitale Kontakte heute geht. Aber in einer anderen Umgebung und einer anderen Sprache. Diese andere Umgebung darf nicht zur Parallelwelt auswachsen, in der Kinder und Jugendliche losgelöst herumlaufen. Dass sie keine Parallelwelt wird, können die Erwachsenen stark beeinflussen – indem sie ihre Hausaufgaben machen. Facebook zu verbieten, wäre sicherlich keine Lösung. 

Überhaupt würden die Erwachsenen scheitern, wenn sie ihre Kinder dadurch schützen wollten, dass sie ihnen den Zugang zum Netz verbieten. Erstens fragt sich, wie das gehen sollte? Nicht einmal Diktaturen schaffen es, den Eingang und den Ausgang von Informationen in ihrem Herrschaftsraum zu kontrollieren. Unsere (Schul)Kinder brauchen nur einen Freund zu besuchen, in die Bibliothek zu gehen oder in der Schule all die zu treffen, die Internet fähige Handys haben. Ganz abgesehen davon, dass das mit viel Aufwand Verbotene für die jugendlichen Kinder gerade das Interessanteste sein muss, stellt sich auch die Frage, warum man den Zugang zum Netz verbieten sollte. In unserer Gesellschaft ist Netzzugang normaler Bestandteil unserer Alltagskultur geworden. Also stellt sich doch eher die Aufgabe, verantwortlich zu überlegen und zu planen, wie die jeweils nächste Generation in der Familie auch in die verantwortliche digitale Kommunikation hineinwächst.

Cyberbullying ist dafür ein dramatisches Beispiel. Worum es geht, ist auch hier dasselbe, offline oder online. Es geht um Gewalt und ihre Ursachen und Muster. Sicher hat das Netz seine Besonderheiten, die Hemmschwelle beispielsweise mag (noch) niedriger sein als in einer aufgeheizten gruppendynamischen Pausensituation auf dem Schulhof. Aber im Grunde geht es um dieselben Fragen, um Empathiefähigkeit sowie um das Standing von Jugendlichen, auch in der digitalen Welt nicht mitmachen zu müssen, was doch alle tun.

Auch zu diesen Themen müssen Eltern und Lehrer sich schlau machen. Die digitale Welt ist eine andere Welt. Aber die emotionalen Grundlagen menschlicher Beziehungen sind nach wie vor dieselben. Die Erwachsenen müssen sich mit ihrem Vorsprung an Lebenserfahrung in die Welt der Jugendlichen teilnehmend einmischen. Wer nur auf Kontrolle setzt, hat verloren. Denn Kontrolle wird Partizipation niemals ersetzen können. Gerade junge Menschen spüren ganz intensiv, ob die Erwachsenen Interesse haben oder nur Macht ausüben wollen. Dass Erwachsene es „doch gut meinen“, wird das Flüchten der jungen Menschen in eine andere als die Erwachsenen-Welt als Gegenreaktion nicht aufhalten.

Wenn das alles so ist, wie es ist, dann müssen wir die Gruppe der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen durch die Kulturtechnik der medialen Kompetenz ergänzen.

Kulturtechniken werden in der Schule gelernt. Also muss auch die mediale Kompetenz in der Schule von Kindesbeinen an erworben werden. Das hat Konsequenzen für Lehrer, Lehrstoff und Lehrmethoden, Eltern und last but not least: für die Schüler. Diese Forderung ist nicht zu verwechseln mit all denen, die als weitere neue Sau durchs Dorf – qua Schule – getrieben werden. Sondern gemeint ist, was gesagt wurde: Mediale Kompetenz ist eine Kulturtechnik. Nur wer diese beherrscht, kann zukünftig teilhaben an der Gesellschaft.

Zwei Gräben durchziehen die Welt, der Graben der Armut und der Graben des Zugangs zum WWW. Dass beide miteinander zu tun haben, leuchtet unmittelbar ein. So wie Alphabetisierung der Schlüssel zur Überwindung von Armut ist, so ist auch mediale Kompetenz ein Schlüssel zu Gewinnung von Chancen. Sicher aber in genau der Reihenfolge, wobei Reihenfolge zukünftig nicht mehr als zeitliche verstanden werden darf.

Lesenswert und wichtig: John Palfrey und Urs Grasser: Generation Internet. Die Digital Natives. Wie sie leben / Was sie denken / Wie sie arbeiten. Hanser München 2008

 
Vom Wort zum Bild

Kalligrafie als Kunstform 

Schreiben kann jeder, auch malen oder singen – irgendwie. Das erste selbst gemalte Bild, das erste selbst gesungene Lied – wie wertvoll werden über die Jahre die frühesten Dokumente kindlichen Selbstausdrucks. Wenn Menschen sich zu sich selbst hin entwickeln, streben sie nach Ausdruck. Wenn reine Imitation erstmals in Selbstausdruck übergeht, spürt man etwas von der Persönlichkeit eines Menschen, die nach Entfaltung und Mitteilung strebt. Aus gutem Grund gehört es bis heute dazu, in der Schule das Schreiben zu erlernen, da mit dieser Kulturtechnik der Ausdruck des Menschseins und aktive Teilhabe an der modernen Kommunikations-Gesellschaft untrennbar verbunden sind. Geschriebenes will verstanden werden, es muss lesbar sein, damit es für kommunikative Zwecke tauglich ist, daher „zivilisiert“ die Schule in gewisser Weise den frühkindlichen Selbstausdruck und macht ihn zunehmend gesellschaftsfähig. 

von Joachim Propfe

Schreiben und Kalligrafie haben nur bedingt etwas miteinander zu tun, wenngleich zu bedauern ist, dass das Schönschreiben praktisch nicht mehr vermittelt wird. Das Schreiben in der Schule dient in erster Linie dem Aufzeichnen und Mitteilen von Gedanken und damit der Kommunikation. Kalligrafie dagegen ist für mich ein künstlerisches Ausdrucksmittel. Wer meine Handschrift sieht, würde nicht glauben, dass dies die Schrift eines Künstlers ist, der sich professionell mit diesem Medium auseinandersetzt. Genau wie nicht jede Alltagsnotiz eines Romanautors sofort als ein Sprachkunstwerk erkannt wird, so wenig versteht sich mein wöchentlicher Einkaufszettel als kalligrafisches Werk.

Bis in die 60er Jahre wurde viel Wert auf eine schöne und deutliche Schrift gelegt, da nur sie eine unmissverständliche Kommunikation erleichterte. „Schön“ meinte hier nicht eine zweckfreie Ästhetik, sondern die möglichst genaue Kopie einer idealisierten Schriftvorlage. Das erste Ziel war die Lesbarkeit einer Handschrift und ihre Funktion als kommunikatives Mittel.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn Kalligrafie auch heute vielfach nicht als Kunst betrachtet wird. Ohne Zweifel stellt das Erlernen einer Schrift hohe Anforderungen an den Schreiber, insbesondere bezüglich der Kenntnis von Formen und Proportionen sowie deren Umsetzung. Individueller künstlerischer Ausdruck ist hier nicht das primäre Ziel.

Zwar spielte der Aspekt der Ästhetik schon immer eine Rolle, Entfaltungsmöglichkeiten bestanden jedoch vor allem in der Ausgestaltung von Schmuckelementen und dekorativen Buchstabenerweiterungen, man denke nur an mittelalterliche Urkunden, die Initialen handgeschriebener Bücher oder die privaten und geschäftlichen Briefe im 18. und 19. Jahrhundert. Sie brachten eine Wertschätzung des Geschriebenen zum Ausdruck und dienten der Repräsentation religiöser oder weltlicher Macht und Würde. Die klassische Kalligrafie als Schönschrift im besten Sinne des Wortes hat bis heute ihre Berechtigung und ihre anerkannten Aufgabenfelder für Urkunden, besondere und individuelle Schriftstücke jeglicher Art. 

Zu einer eigenständigen Entfaltung der Schrift als künstlerischem Ausdruckmittel konnte es vor allem durch neuzeitliche Erfindungen kommen. Maschinen für die Kommunikation wie der Buchdruck mit flexiblen Bleilettern, die mechanische Schreibmaschine und später der Computer erlaubten es der Schrift, sich in einem lang andauernden Prozess als künstlerisches Medium zu verselbstständigen. Die Maschinen ermöglichten eine klarere, sicherere und vor allem schnellere Kommunikation als die Handschrift. Texte konnten mithilfe von Druckmaschinen kostengünstig hergestellt und anschließend in großer Stückzahl verbreitet werden.

Die Analogie zur Fotografie und der Malerei liegt auf der Hand. Gemälde lösten sich vom Abbildungscharakter und verließen das Gegenständliche, sobald das technische Mittel der Fotografie zur realitätsgetreuen Abbildung der Welt zur Verfügung stand. Freilich war dies nur ein Zwischenstand, denn Fotografie und Typografie entfalteten schon bald eine ihrem Medium entsprechende eigene künstlerische Ästhetik.

Anders als die Malerei benötigte die Kalligrafie jedoch Jahrhunderte, um sich als eigenständige Kunstform zu entwickeln, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich lange Zeit in einem Wettstreit mit dem Buchdruck befand. Es sollte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts dauern, dass sich die Kalligrafie allmählich vom schönen Buchstaben löste und die vielschichtigen Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums Schrift für sich erkannte und künstlerisch in Anspruch nahm. Dass Form mehr mitteilen kann als Inhalt, dass eine interpretierende, Bedeutung erhellende und eigenständige sinnstiftende Wirkung von einem Schriftkunstwerk ausgehen kann, musste erst entdeckt werden.

Aktuelle Schriftkunst beinhaltet alles, was Schrift kann: Sie reicht vom ästhetisch gestalteten Blatt bis hin zur abstrakten Auflösung von Texten in eine rein skripturale Struktur. 

Kalligrafen nutzen heutzutage das freie Spiel der Formen, Farben und der Komposition und bedienen sich unterschiedlichster Mittel wie etwa der Malerei, sie nehmen Anleihen bei der Typografie oder gestalten mittels der Collagetechnik. Sie experimentieren mit verschiedenen Farben, Trägermaterialien und Werkzeugen, sie schreiben mit allem, was Farbe aufnehmen und in den Händen gehalten werden kann. Manch einer geht bis an die Grenzen des manuell Machbaren, theoretisch könnte man sogar mit dem hydraulisch gesteuerten Arm eines Baggers schreiben. Reisigbesen und Pipette gehören fast schon selbstverständlich zum Reper-toire wie die klassische Feder. Selbst der Computer stellt in diesem Sinne eine Erweiterung des Schreibzeugs dar.

Als ich die ersten Schritte auf dem Feld der Kalligrafie unternahm, bestand meine Motivation zunächst in der Faszination an Form und Proportion der aus wenigen grafischen Grundelementen zusammengesetzten Schriftzeichen, daneben auch die scheinbar minimalistischen Gestaltungsmittel, wie man zum Beispiel einen einfachen Strich in eine spannungsvolle Linie verwandeln kann, indem der Strich an- und abschwillt, oder wie durch kleine Manipulationen in der Haltung des Schreibwerkzeugs die Eleganz etwa einer Antiqua gesteigert werden kann. Außerdem beeindruckten mich die Langsamkeit, die Konzentration und die Ausdauer, die für diese Tätigkeit erforderlich sind.

Wie beim Musizieren muss sich der Künstler ständig konzentrieren, schweifen seine Gedanken ab, unterlaufen ihm Fehler. Dieser meditative Charakter des Kalligrafierens, eigentlich des künstlerischen Tuns überhaupt, ist mir sehr wichtig. Er gibt mir das Gefühl, bei mir angekommen zu sein – in dem zu ruhen, was ich tue, aber nicht stillzustehen.

Für mich ist die Kalligrafie wie jede andere Kunstform zu allererst ein produktives Mittel zur Auseinandersetzung mit der Vielschichtigkeit der Wirklichkeit, des Menschen und seiner Welt. Mich reizt der Gedanke, dass etwas in Sprache Gefasstes, zum Beispiel etwas Erfahrenes, Erkanntes oder Erträumtes, im Grunde eine Abstraktion darstellt: Auf der Suche nach Sinn, Bedeutung und Ausdruck sind Sprache und Schrift abstrakte Zeichensysteme, die mit Inhalt gefüllt werden können und müssen. Diese Überlegungen regen mich zur eigenen künstlerischen Auseinandersetzung mit Geschriebenem an. In diesem Sinne wird ein Text als schriftsprachliche Abstraktion von Wirklichkeit für mich Anlass zum kalligrafischen Kunstwerk.

Das Schaffen aus dem Nichts heraus ist eine Fiktion. Ein Künstler, der sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzt, ist wählerisch, indem er frei entscheidet, welchen Aspekt von Wirklichkeit er seinem Werk zugrunde legt. Er hat die freie Wahl, aber er muss sich entscheiden.

Ich entscheide mich für schriftsprachliche Abstraktionen von Wirklichkeit als Ausgangspunkt für mein künstlerisches Schaffen. Texte sind Rohstoff für eigene Kreationen, die Aussage und die Wirkung eines Textes sind mir wichtig. Ich suche Texte, in denen sich meine Vorstellungen wider-spiegeln – mit aller Wertschätzung gegenüber dem sprachlichen Kunstwerk und der geistigen Leistung.

Als Schriftkünstler suche ich nach einem vertieften und erweiterten Zugang zur Wirklichkeit im Akt des produktiven Schaffens. Im besten Falle geschieht eine Art Transformation der Schrift und ihr Ausdrucksvermögen erweitert sich, ohne die Schrift vollends zu verlassen.

Auch Lesen kann jeder – irgendwie. Als natürlicher Counterpart des Schreibens fordert gleichfalls das Lesen sein Recht. Für die Kalligrafie ist das Lesen Segen und Fluch in einem. Natürlich wollen Texte gelesen werden. Kunstrezeption ist jedoch nicht gleich lesen. Daraus ergibt sich die besondere Herausforderung für die Wahrnehmung kalligrafischer Kunst. Wer ein Schriftkunstwerk lesen möchte, wie man ein Buch liest oder ein gedrucktes Gedicht, der wird möglicherweise enttäuscht werden. Ist doch eine reduzierte oder gar die vollständige Preisgabe der Lesbarkeit eines Textes oder seiner Teile oft gerade reizvolles künstlerisches Ausdrucksmittel. Es leitet sich ab aus dem künstlerischen Potential, das ein Text etwa durch seine Wörtlichkeit, seine Bildlichkeit oder seine sprachliche Eigentümlichkeiten beinhaltet.

Daraus ergibt sich: Eine künstlerische Kalligrafie liest sich anders als ein Buch. Sie wirkt zuerst durch ihre Bildhaftigkeit im Ganzen. Je nach dem Grad der noch vorhandenen Lesbarkeit oder Nicht-Lesbarkeit sind unterschiedliche Rezeptionsweisen in einem Werk angelegt. Ein Text, der ganz und gar Bild geworden ist, fordert seinen Betrachter heraus, sich mit dem Angeschauten auseinanderzusetzen. Kalligrafische Arbeiten, die dagegen das Lesen als Rezeptionsform nicht gänzlich aufgegeben haben, wollen geradezu auch gelesen werden. Dabei bewirkt manch ein kalligrafisches Bild einen verlangsamten Leseprozess, der ein intensiveres Erschließen eines Textes ermöglicht, wenn nicht gar einen kontemplativ-meditativen Zugang eröffnet. 

Wie dem auch sei, die größte Freude bereitet es mir als Schriftkünstler, wenn meine Werke aufmerksam wahrgenommen werden, sei es nun ein lesendes Betrachten oder betrachtendes Lesen.

Joachim Propfe studierte Farbdesign an der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden (heute Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst). Dort entdeckte er durch Professor Gottfried Pott seine Liebe zur Kalligrafie. Seit dem Abschluss seines Studiums 1994 arbeitet er freiberuflich als Designer und Schriftkünstler für private und institutionelle Auftraggeber in ganz Deutschland.  www.atelier-propfe.de

 
Inklusion ist Menschenrecht

Chancen für Menschen mit komplexen Bedarfslagen durch die UN-Behindertenrechtskonvention?! 
Menschen mit komplexen Bedarfslagen sind durch Diskriminierung und Ausgrenzung bedroht, insbesondere bei schweren kognitiven, physischen und psychischen Beeinträchtigungen (vgl. Inclusion Europe 2008). Ihre Lebensbedingungen sind abhängig von Einstellungen, Entscheidungen und Handlungen derer, die Verantwortung für die Gestaltung ihres Alltags und ihrer Entwicklungsperspektiven tragen ─ in Politik und Verwaltung, in der Gemeinde, in der sie leben, in der Institution, die ihnen Unterstützung gewährt, im Wohnalltag, im Bereich von Arbeit und Beschäftigung, in der Schule. 

von Monika Seifert 

Das hohe Maß an Abhängigkeit ist für diese Menschen Teil ihrer Lebensrealität, das Ziel der Unabhängigkeit und der Befähigung zur Vertretung der eigenen Interessen für die meisten nicht mehr als eine Fiktion. Sie brauchen Menschen, die sich für ihre Rechte einsetzen. Dafür bietet die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen einen geeigneten Rahmen. Die Konvention strebt die vollständige und wirksame Partizipation und Inklusion von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft an (Art. 3 BRK2). 

Bereits in der Präambel wird die Notwendigkeit unterstrichen, „die Menschenrechte aller Menschen mit Behinderungen, einschließlich derjenigen, die intensivere Unterstützung benötigen, zu fördern und zu schützen“ (Präambel Abs. j). Dazu gehört, dass sie „vollen Zugang zu physischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umwelt, zu Gesundheit und Bildung sowie zu Information und Kommunikation haben“ (Präambel Abs. v). 

Die gegenwärtige Lebenswirklichkeit von Menschen mit schweren Behinderungen ist auch in Deutschland von diesem Anspruch noch weit entfernt – obwohl im Zeichen des Normalisierungsprinzips in den letzten 40 Jahren bemerkenswerte Verbesserungen gegenüber früheren Zuständen erreicht wurden. 

Zielperspektive Inklusion

Grundlegende Bedeutung für die Lebensperspektiven von Menschen mit schweren Behinderungen hat der Art. 19 BRK: Unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft. Hier ist festgeschrieben,

 

  • dass Menschen mit Behinderung gleichberechtigt wählen können sollen, wo und mit wem sie leben wollen, 
  • dass sie die jeweils notwendige Unterstützung zum Leben in der Gemeinschaft und zur Einbeziehung in die Gemeinschaft erhalten sollen, zur Verhinderung von Isolation und Ausgrenzung,
  • dass ihnen kommunale Dienstleistungen und Einrichtungen für die Allgemeinheit auf gleichberechtigter Grundlage zur Verfügung stehen und ihren Bedürfnissen Rechnung tragen sollen. 
Das ist der Rahmen für Inklusion. 

 

In diesen Forderungen wird das Menschenbild deutlich, das die Konvention prägt. Menschen mit Behinderung sind aktiv Gestalter ihrer Lebenssituation, sie sind als Bürger Teil der Gemeinde. Erschwernisse bei der Teilhabe am Leben der Gesellschaft sind nicht in erster Linie in Art und Ausmaß ihrer Beeinträchtigungen begründet, sondern in einer mangelnden Passung zwischen ihren individuellen Bedürfnissen und Unterstützungsbedarfen und den jeweils gegebenen Umweltbedingungen. Daraus leitet sich der gesellschaftliche Auftrag ab: Teilhabe-Hemmnisse abzubauen und Teilhabe-Chancen zu stärken. 

Die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention stellen die Behindertenhilfe vor erhebliche Herausforderungen. Nach wie vor ist das Hilfesystem im Wesentlichen ein Sondersystem, in dem stationäre Einrichtungen dominieren. Im Laufe des Jahres 2007 wurden bundesweit rund 176.000 Menschen mit Behinderung in Heimen betreut3, das sind fast zwei Drittel der Empfänger von „Hilfen zum selbstbestimmten Leben in betreuten Wohnmöglichkeiten“. Ambulante Unterstützung beim Wohnen in einer eigenen Wohnung oder in Wohngemeinschaften erhielten etwa 93.000 Menschen mit Behinderung. 

Aktuell kann trotz der Gleichstellungsgesetze des Bundes und der Länder und trotz der im SGB IX formulierten Zielperspektiven „Selbstbestimmung und Teilhabe am Leben in der Gesellschaft“ von einer gleichberechtigten Stellung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und hohem Unterstützungsbedarf keine Rede sein. Gefährdungen ihrer grundsätzlichen Zugehörigkeit sind allenthalben präsent. Sie müssen darum benannt und hinsichtlich möglicher Anknüpfungspunkte zur Verbesserung der Situation beleuchtet werden. Die Behindertenrechtskonvention ist ein Meilenstein, hinter den es kein Zurück mehr gibt: Inklusion ist Menschenrecht. Das Signal fällt allerdings in eine Zeit, in der krisenhafte Entwicklungen im Bereich der öffentlichen Haushalte, des Arbeitsmarkts, des Wohlfahrtsstaats und des gesellschaftlichen Zusammenhalts Hoffnungen auf grundlegende Änderungen dämpfen. Die Lebensumstände vieler Menschen haben sich drastisch verschlechtert. Soziale Ungleichheiten erscheinen verschärft, Exklusionsrisiken nehmen zu – nicht nur für sogenannte Randgruppen. Sie finden ihren Ausdruck in einer Veränderung der Mentalitäten gegenüber schwächeren Bevölkerungsgruppen und im Schwinden von Solidarität. 

Eine Untersuchung von Heitmeyer & Endrikat im Jahr 2007 hat ergeben, dass etwa ein Drittel der Deutschen tenden-ziell der Aussage zustimmte, dass sich eine Gesellschaft wenig nützliche Menschen nicht leisten könne; etwa ein Viertel stimmte der Aussage zu, dass moralisches Verhalten ein Luxus sei, den wir uns nicht mehr leisten können (vgl. Heitmeyer & Endrikat 2008, 62). Ökonomische Einstellungen wie die genannten beziehen sich primär auf Langzeitarbeitslose und Obdachlose, schließen aber in Teilbereichen auch Menschen mit Behinderung mit ein: „Vorurteile und Ressentiments dürften vor allem gegenüber Geistigbehinderten existieren. Wenn diese Menschen arbeiten, dann häufig in Behindertenwerkstätten – und damit außerhalb der marktwirtschaftlichen Konkurrenz. Zudem erzeugen sie oft Kosten für die Solidargemeinschaft, da sie einer besonderen Versorgung bedürfen.“ (Heitmeyer & Endrikat 2008, 68)

Als weiterer Risikofaktor für die Teilhabechancen von Menschen mit schweren Behinderungen erweist sich die Kostenexplosion im sozialen Bereich. Im Jahr 2008 sind die Sozialhilfeausgaben bundesweit um fünf Prozent gestiegen; mehr als die Hälfte der Ausgaben entfiel – bei zunehmend steigenden Fallzahlen – auf die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung (vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland 2008). Weitere Steigerungen sind aufgrund der demografischen Entwicklung zu erwarten. Unter Kostendruck wird die Situation in Einrichtungen und Diensten der Behindertenhilfe also auch weiterhin durch Verschlechterungen der Rahmenbedingungen bestimmt sein – mit gravierenden Folgen für Menschen mit schweren Behinderungen, die auf intensive personelle Unterstützung angewiesen sind. Ohne adäquate Unterstützung kann die Teilhabe dieser Personengruppe kaum realisiert werden.

Institutionelle Separierung

Um Verschlechterungen der Lebensbedingungen und Ausgrenzungsrisiken für Menschen mit schweren Behinderungen wirksam entgegen treten zu können, benötigen wir die Solidarität der Gemeinschaft. Sie zu gewinnen ist kein leichtes Unterfangen. Martin Hahn (2004) vertritt die These, dass solidarisches gesellschaftliches Handeln auf dem Erkennen und Berücksichtigen von Gemeinsamkeiten beruht. Wie aber können Gemeinsamkeiten erkannt werden, wenn Menschen mit schweren Behinderungen, vor allem im Erwachsenenalter, in unseren Städten und Gemeinden weitgehend unsichtbar sind? Wenn ihr Leben – mit dem Blick von außen – als nicht lebenswert angesehen wird? Wenn sie als Pflegefall deklariert werden, nicht entwicklungsfähig?

Die Unsichtbarkeit dieser Personengruppe ist kein neues Phänomen. Die Behindertenhilfe hat durch ihre Hilfestrukturen kräftig dazu beigetragen. Unterstützungsangebote für Menschen mit schwerer Behinderung werden überwiegend in sozial ausgrenzenden Hilfearrangements in Sondersystemen vorgehalten. So ist beispielsweise die gegenwärtige Praxis der Zuweisung von Wohnformen an den Fähigkeiten für eine möglichst selbstständige Bewältigung des Alltags orientiert – mit der Folge, dass zuallererst die Menschen mit geringerem Hilfebedarf von Prozessen der Dezentralisierung und De-Institutionalisierung profitieren. Individuelle Wohnarrangements inmitten der Gemeinde sind für diesen Personenkreis nur punktuell realisiert. Der größte Teil der gemeindenahen wohnbezogenen Einrichtungen und Dienste ist nicht auf die Betreuung beziehungsweise Begleitung von Menschen mit schweren Behinderungen eingestellt. Dies gilt für die konzeptionellen Grundlagen, die Qualifikation der Mitarbeiter und die finanziellen Ressourcen. Externe fachliche Unterstützung ist nur im Ausnahmefall möglich.

Leben in Abhängigkeit

Das Leben von Menschen mit schweren Behinderungen ist ein Leben in permanenter Abhängigkeit – mit dem Risiko der Missachtung grundlegender Rechte. Das haben die Ergebnisse der Kölner Lebensqualität-Studie deutlich gemacht, die vor einigen Jahren in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe in NRW durchgeführt wurde (vgl. Seifert et al. 2001).

Die Alltagswirklichkeiten von Menschen mit schweren Behinderungen in den an der Studie beteiligten Institutionen zeigen erhebliche qualitative Unterschiede. Es gibt positive Beispiele und Beispiele, die dem fachlichen Anspruch kaum genügen. Die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten, die auf der Basis von Beobachtungen im Wohnalltag beschrieben wurden, sind auf einem Kontinuum zwischen den beiden Polen Teilhabe und Ausschluss angesiedelt. Zwischen Teilhabe an gemeinsamer Tätigkeit und Ausgrenzung; an dialogischer Beziehung und Isolation; an Entscheidungen und Machtmissbrauch. Bedingungsfaktoren für die unterschiedlichen Wirklichkeiten sind einerseits strukturelle Bedingungen, die das Eingehen auf individuelle Bedürfnisse und das Erschließen des sozialen Umfelds erschweren, andererseits Erfahrungen, Qualifikation, Einstellungen und Persönlichkeit der Mitarbeitenden. Damit ist das Menschenbild angesprochen, das im Umgang mit Frauen und Männern mit schwerwiegend herausforderndem Verhalten wirksam wird und die Teilhabechancen dieser Personengruppe stärken oder beeinträchtigen kann.

Zentrale Fragen sind:

 

  • Schauen wir zuerst auf das Abweichende von der Norm oder erkennen wir das Gemeinsame von Menschen mit und ohne Behinderung? 
  • Erkennen wir in unserem Gegenüber die Entwicklungspotenziale oder eher die Beeinträchtigungen? 
  • Erhalten wir uns den offenen Blick für die Individualität des Einzelnen oder begnügen wir uns mit Zuschreibungen, die von Dritten vorgenommen wurden? 
  • Geben wir uns zufrieden mit spekulativen Deutungen aktueller Verhaltensweisen oder begeben wir uns auf die Suche nach lebensgeschichtlich prägenden Erlebnissen? 
  • Interpretieren wir herausforderndes Verhalten als störend oder als subjektiv sinnvoll unter den jeweils gegebenen Bedingungen? 
  • Betrachten wir den Menschen in seiner Lebenswelt oder sind wir auf die persönlichen Eigenheiten fixiert? 
  • Sehen wir die gegenwärtigen Lebensbedingungen dieses Personenkreises als gegeben oder entwickeln wir einen kritischen Blick für notwendige Veränderungen? 
Mitarbeiter von Einrichtungen und Diensten sind Akteure, die im Umgang mit Menschen mit schweren Behinderungen Problemlagen mildern, aber auch Konflikte auslösen oder verstärken können. Die Gefahr des Machtmissbrauchs in asymmetrischen Beziehungen verweist darauf, dass in der Arbeit mit Menschen mit schweren Behinderungen mehr gefordert ist als fachliche Kompetenz. Menschen, die nicht für sich selber sprechen können, brauchen Menschen, die anwaltschaftlich für ihre Belange Verantwortung übernehmen.

 

Der Begriff Anwaltschaft kann im übertragenen Sinne als Fürsprache beziehungsweise Parteinahme übersetzt werden (vgl. Störmer 2004). Fürsprache heißt konkret: „für einen anderen sprechen“, weil dieser nicht selbst für sich sprechen kann oder weil ihm nicht der Raum dafür gegeben wird. Fürsprache kann schnell in Bevormundung umschlagen. Die Parteinahme beinhaltet eine Dimension, die der Bevormundung entgegenwirkt. 

Auf der Basis der Behindertenrechtskonvention ist die Positionierung eindeutig: Menschen mit schweren Behinderungen haben ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben wie alle anderen auch. Sie sollen Teil dieser Gesellschaft sein. Inklusion ist Menschenrecht.

Elisabeth Conradi (2001), eine Vertreterin der Ethik der Achtsamkeit, verweist darauf, dass Machtdifferenzen bei der Gestaltung von Beziehungen in Abhängigkeitsverhältnissen nicht zwangsläufig zu Bevormundung und Unterordnung führen. Das heißt: Abhängig sein ist nicht gleichbedeutend mit Ohnmacht. Dennoch sei grundsätzlich von einer Dynamik der Macht auszugehen, die in Gewalt münden kann. Andererseits bestehe in asymmetrischen Beziehungen auch die Chance, Empowerment-Prozesse zu vollziehen, auf beiden Seiten. Im Von-einander-Lernen können Unterschiede bestehen bleiben, mit positiven Wirkungen auf den jeweils anderen. 

Soziale Akzeptanz

Erfahrungen im Wohnumfeld von Menschen mit schweren Behinderungen können auf den gemeinsamen Nenner gebracht werden: Soziale Akzeptanz ergibt sich nicht von selbst. Wenn schwer behinderte Menschen den Leuten im Umfeld „nicht zu nahe kommen“, werden sie – aus der Distanz – akzeptiert und ihre Betreuer ob der schweren Aufgabe bewundert („sowas könnte ich nicht“). Bei begleiteten Aktivitäten in der Gemeinde erfahren sie als „Heimbewohner“ sowohl Toleranz als auch Ablehnung. Letzteres kann bei Mitarbeitenden zu Vermeidungstendenzen hinsichtlich außerhäuslicher Aktivitäten mit diesem Personenkreis führen (vgl. Hahn et al. 2004). Schwierigkeiten gibt es nach wie vor im unmittelbaren nachbarschaftlichen Zusammenleben, vor allem wenn das Verhalten der behinderten Menschen gewohnte Routinen „stört“.

Ein Mitarbeiter berichtet: „Sie [die Nachbarn; Anm. M.S.] mögen keine Leute wie unsere, die dann schreien, die auffallen, die komisch aussehen, die sich auch mal auf jemanden stürzen, wo man so schnell manchmal nicht ist. Wenn wir im Sommer im Garten waren, wurde die Polizei gerufen, weil die Mittagsruhe nicht eingehalten wurde. Man kann unseren Leuten nicht sagen, von eins bis drei darf keiner rufen. Die Leute haben ihren eigenen Rhythmus, der kollidiert ganz stark mit dem Rhythmus von den Nachbarn. (…) Mittlerweile hat sich das etwas gegeben, die Leute kennen uns jetzt.“ (Seifert 1997, 205)

Die Leute kennen uns jetzt – dieser Sachverhalt scheint grundlegend zu sein für die Offenheit von Nachbarschaften für Menschen, deren Verhalten aus der Norm fällt.

Klaus Dörner bezeichnet die Nachbarschaft als „Herzstück der Gesellschaft“ – als solidaritätsstabilisierende Institution (Dörner 2007). Das Zusammenleben in Nachbarschaften bietet die Basis für Bürgerschaftliches Engagement im Sinne von Solidarität für die Gemeinschaft. Grundlegende Prämisse für die Mobilisierung von nachbarschaftlicher Solidarität ist – so Dörner – eine streng territorial definierte Verantwortung, die zwar jenseits der Grenze lebende Menschen ausschließt, dafür aber alle im Territorium lebende und hingehörende Menschen einbezieht – ohne Sortierung nach Beeinträchtigungsarten. Dabei sollte sich die Größe eines Nachbarschafts-Sozialraums am „Wir-Gefühl“ der Bürger orientieren, das in der Regel auf gemeinsamen Erfahrungen beruht: Von entsprechenden Erfahrungen berichten Eltern von Kindern mit herausforderndem Verhalten. 

Gute Kontakte entwickeln sich vor allem dann, wenn das behinderte Kind von klein auf bekannt ist: „Wir haben eine tolle Hausgemeinschaft und auch die Nachbarn sind alle sehr offen gegenüber meinem Sohn, da sie ihn auch von klein auf kennen. (…) Und wenn ich Hilfe brauche, dann rufe ich irgendwo an und dann kommt auch jemand und unterstützt mich. Ich hab lange keinen Lifter gehabt im Bad und da hat mir dann jemand geholfen, meinen Sohn aus der Badewanne zu heben.“ (Seifert 2010, 158)

Aktivitäten mit dem Sohn im weiteren Umfeld werden dem gegenüber als Belastung erlebt: „Ich geh mit meinem Sohn nicht raus zu Festen oder so, das mach ich nicht. Ich schaff es halt selber nicht, weil für ihn ist das alles zu viel. (…) dann schreit mein Sohn und dann gucken die Leute, und wenn er anfängt sich zu schlagen, dann machen sie einen großen Bogen.“ (Seifert 2010, 162) 

Eine Mutter, deren erwachsene schwer mehrfach behinderte Tochter als Kind eine integrative Schule in ihrem Wohnbezirk besucht hat, sieht ihre Hoffnungen auf eine allmählich wachsende Integrationsbereitschaft schwinden. Ohne unterstützende Strukturen sei die gute Idee zum Scheitern verurteilt: „Integration ist nicht selbstverständlich, überhaupt nicht, nein. Wenn man ehrlich ist: Integration mit Gleichaltrigen, das muss man organisieren und bezahlen. Dann klappt es. (…) Es gibt in deren Alter, glaube ich, nicht viele junge Leute, die wirklich etwas mit behinderten jungen Menschen zu tun haben wollen, schon gar nicht mit so schwer Behinderten. (…) (Seifert 2010, 160)

Von eher frustrierenden Erfahrungen berichtet auch eine andere Mutter, deren Sohn sich im Kontext einer autistischen Symptomatik überwiegend nonverbal äußert und dessen Verhalten auf Außenstehende oft befremdlich wirkt: Wenn er Menschen lachen hört, dann lacht er gerne mit. Geschieht dies in der Öffentlichkeit, dann fühlen sich die anderen Menschen jedoch entweder durch sein lautes unkontrolliertes Lachen auf den Arm genommen oder sie fangen an, über ihn zu lachen, und ahmen ihn eventuell nach. Auch bei seiner regelmäßigen Teilnahme am Kiezturnen, gibt es teilweise Probleme: „Manche gehen damit richtig gut um, grüßen ihn sogar auf der Straße, wenn sie ihn mal so sehen, und manche kichern und lachen ihn aus und verarschen ihn. Und das (…) bricht mir das Herz immer wieder.“ (Seifert 2010, 162)

Positive Beispiele mit gemeindeintegrierten Wohnarrangements für Menschen mit schweren Behinderungen belegen, dass nachbarschaftliches Zusammenleben auch mit diesem Personenkreis gelingen kann – vorausgesetzt dass die jeweils gegebenen Bedingungen die Wohnbedürfnisse beider Seiten, der Menschen mit und ohne Behinderung, berücksichtigen.

Kostendruck

Ausgrenzungstendenzen werden nicht nur durch Einstellungen und Verhaltensweisen der Bevölkerung und durch strukturelle Bedingungen des Hilfesystems bestimmt. Sie sind auch im Denken und Handeln von Entscheidungsträgern verankert, im Prozess der Feststellung des Unterstützungsbedarfs. Anbieter von Einrichtungen und Diensten, die im Rahmen der Berliner Kundenstudie befragt wurden, berichten, dass im Zuge der Kostendämpfung bei der Entscheidung über „passende Hilfearrangements“ für Menschen mit schweren Behinderungen fachliche Gründe zunehmend weniger Gewicht haben als Kostenaspekte: „Es gibt die Meinung, dass die dichte Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung Luxus ist. Das ist aus den Köpfen oftmals gar nicht rauszukriegen und es bedarf einer wahnsinnigen Anstrengung in jedem einzelnen Fall, die zu überzeugen davon, dass bestimmte Hilfen notwendig sind.“ (Seifert 2010)

Immer häufiger wird die Frage gestellt, ob sich bei Menschen mit schweren Behinderungen der Einsatz von Mitteln der Eingliederungshilfe überhaupt ‚lohnt’. So stellt ein Berliner Fallmanager, der über die Bewilligung der Leistungen entscheidet, nach dem Besuch einer Fördergruppe fest: „Da sind dann diese jungen mehrfach behinderten Menschen. Und wenn Sie dann sehen, der liegt eben da nur auf dem Teppich und schlägt die Hände zusammen oder liegt im Bett, guckt eben den Spiegel an, der daneben hängt, und das ist der ganze Tag – da sage ich mir auch: Was ist da Eingliederungshilfe?“ (Seifert 2010, 242)

Erfahrungen im Rahmen der Hilfeplanung lassen den Schluss zu, dass bei Entscheidungen über die Bewilligung von Eingliederungshilfe bei Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf die Teilhabedimension häufig unberücksichtigt bleibt. Hauptkriterium ist die vermutete Entwicklungsfähigkeit. Ist diese für den Betrachtenden über einen längeren Zeitraum nicht erkennbar, werden Eingliederungshilfe-Maßnahmen gefährdet und Ausschlusstendenzen verstärkt.

Diese Zuweisungspraxis ist nicht mit den Zielsetzungen der Behindertenrechtskonvention vereinbar – sofern sie gegen des Willen des Betroffenen erfolgt (vgl. Lachwitz 2010, 70). Sie widerspricht dem Wunsch- und Wahlrecht und schränkt die Teilhabe an subjektiv bedeutsamen Lebenssituationen und Lebensbereichen ein. 

Strategien zur Stärkung der Teilhabechancen

Die gegenwärtigen Entwicklungen machen deutlich, dass die Forderung nach sozialer Inklusion in allen Lebensbereichen gezielte Aktivitäten zur Stärkung der Teilhabechancen von Menschen mit schweren Behinderungen notwendig macht. Integrationserfolge in diesem Bereich beziehen sich bislang überwiegend auf einzelne Personen oder Personengruppen, gestützt auf das Engagement der unmittelbar Beteiligten, wie Eltern, Lehrer, Einrichtungsträger. Inklusion hat dem-gegenüber einen umfassenden Anspruch.

Valentin Aichele präzisiert:„Die Gesellschaft für behinderte Menschen zu öffnen geht über das hinaus, was traditionell mit ‚Integration’ gemeint ist. Der Konvention geht es nicht nur darum, innerhalb bestehender Strukturen Raum auch für Behinderte zu schaffen. Sie will eine inklusive Gesellschaft. Danach sind gesellschaftliche Strukturen selbst so zu gestalten und zu verändern, dass sie der realen Vielfalt menschlicher Lebenslagen – gerade auch von Menschen mit Behinderungen – von vornherein gerecht werden.“ (Aichele 2010, 6)

Die Umsetzung von Inklusion erfordert Aktivitäten in unterschiedlichen Bereichen, die teils auf der Ebene des Individuums und seiner Lebenswelt, teils auf der Systemebene und im Sozialraum lokalisiert sind und miteinander in Wechselwirkung stehen (vgl. Seifert 2010).

Viele Träger von Einrichtungen und Diensten der Behindertenhilfe haben sich in den letzten Jahren „auf den Weg in die Gemeinde“ begeben, durch Aktualisierung ihrer Konzeptionen, durch Veränderungen ihrer Strukturen, durch inklusive Praxisprojekte, durch Öffentlichkeitsarbeit. Manche entwickeln Konzepte, die auch Menschen mit schweren Behinderungen einbeziehen. Gesetzliche Regelungen und administrative Vorgaben setzen diesen Vorhaben oft enge Grenzen.

Hier die Weichen neu zu stellen sowie innovative Konzepte zu entwickeln und Veränderungen der Strukturen zu initiieren, ist eine der dringendsten Herausforderungen der nächsten Zeit. Dabei ist von vornherein darauf zu achten, dass der Personenkreis der Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf nicht vergessen wird. Das käme einer erneuten Ausgrenzung gleich, die den verheißungsvollen inklusiven Ansatz hohl erscheinen lässt.

Handlungsfeld: Das Individuum in seiner Lebenswelt

Teilhabestärkende Strategien können in diesem Handlungsfeld auf die Formel gebracht werden: Individuelle Ressourcen stärken – soziale Netzwerke entwickeln – Ressourcen im Gemeinwesen erschließen – Partizipation realisieren.

 

  • Individuelle Ressourcen stärken: Die Stärkung der Persönlichkeit, das Entwickeln von Selbstvertrauen sowie das Erleben von Sicherheit und unbedingter Wertschätzung sind eine notwendige Basis zur Realisierung von Teilhabe. Im Kern geht es darum, Gelegenheit für persönliche Entwicklung, für angemessene Kommunikation und psychosoziales Lernen zu bieten, um psychische Probleme, Lebenskrisen oder verfahrene Lebenslagen besser bewältigen zu können. Grundlage für die Entwicklung individuell passender Handlungskonzepte ist eine interdisziplinäre und multiprofessionelle Diagnostik, die lebensgeschichtliche Erfahrungen und Bedingungsfaktoren der aktuellen Lebenssituation sowie die subjektive Perspektive des Betroffenen einbezieht. 
  • Soziale Netzwerke entwickeln: Von zentraler Bedeutung ist die Entwicklung tragfähiger sozialer Beziehungen mit Menschen, die nicht professionell in die Gestaltung des Alltags involviert sind. Positiv erlebte soziale Beziehungen stärken das psychische Wohlbefinden und die Entwicklung der persönlichen Identität (vgl. Beck 2008). Sie geben Halt in Krisen und Belastungen. Durch Intensivierung von Kontakten mit Menschen außerhalb des engen Wohnbereichs (wenn sie vom Einzelnen zugelassen werden) können so genannte „entlokalisierte Nachbarschaften“4 entstehen – ein Netz von Leuten, die nicht zum unmittelbaren Umfeld gehören, sich aber als Unterstützer des behinderten Menschen verstehen, beispielsweise im Sinne einer Patenschaft, die Kontinuität in der Beziehung bietet und dadurch Vertrauen schafft. Sie können als „Türöffner“ in die Gemeinde agieren.
  • Ressourcen im Gemeinwesen erschließen: Unter der Zielperspektive Inklusion reicht es nicht aus, Wohnmöglichkeiten für Menschen mit schweren Behinderungen inmitten der Gemeinde zu schaffen und Individuum-bezogen Unterstützung zur Bewältigung des Alltags sowie emotional Sicherheit und Geborgenheit zu geben. Viel mehr als bisher ist auch der Sozialraum in den Blick zu nehmen, Kontakte in der Gemeinde, im Stadtteil oder im Wohnquartier zu knüpfen zu entwickeln, um die gleichberechtigte Zugehörigkeit dieses Personenkreises zum Gemeinwesen bewusst zu machen.
    Mitarbeitenden von Einrichtungen und Diensten kommt auf dem Weg in die Gemeinde eine Schlüsselrolle zu. Sie müssen ihre Aufgabenfelder erweitern und sich Kompetenzen aneignen, die Inklusionsprozesse unterstützen. Bislang stand der schwer behinderte Bewohner selbst im Mittelpunkt: sein Wohlbefinden, die Förderung seiner Fähigkeiten und der zwischenmenschlichen Beziehungen sowie der Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten – all dies waren und sind große Herausforderungen bei der Gestaltung des Alltags.
    Dabei wird aber oftmals übersehen, dass schwer behinderte Menschen nicht nur Bewohner einer Einrichtung sind mit Anspruch auf eine qualitätsvolle Begleitung und Betreuung, sondern in erster Linie Bürger der Gesellschaft, die bei der Wahrnehmung dieser Rolle besonderer Unterstützung bedürfen. Wenn Menschen mit Behinderungen in sozialen Rollen wahrgenommen werden, welche die Gemeinsamkeit von Menschen mit ohne Behinderung dokumentieren (zum Beispiel als Kunde im Supermarkt) und weniger in Rollen, welche die Unterschiede bewusst machen (beispielsweise als Heimbewohner, meist in Gruppen auftretend), kann das soziale Umfeld für die Belange von Menschen mit Behinderung sensibilisiert werden und – im günstigen Fall – Bereitschaft zum Zusammenleben in Nachbarschaften entwickeln.
    Dennoch gibt es kein „Rezept“, nur Erfahrungen und daraus resultierende Empfehlungen. In jedem Einzelfall müssen individuell passende Wege gefunden werden, die – zumindest punktuell – eine Einbindung in die Gemeinde möglich machen, durch
    • das Erschließen der lokalen Infrastruktur,
    • die Entwicklung gemeinsamer Projekte mit anderen sozialen Organisationen,

 

 

  •  
    • die Integration in Arbeitsbereiche, die für das Gemeinwesen Bedeutung haben. 

 

Dabei ist immer zu fragen, ob die geplanten Aktivitäten den Bedürfnissen und Interessen der Beteiligten entsprechen.

  • Partizipation realisieren: Unter der Prämisse, dass jeder Mensch im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Leben entsprechend seinen individuellen Bedürfnissen und Interessen aktiv gestaltet, ist die aktive Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen bei der Ermittlung ihres Unterstützungsbedarfs und der Hilfeplanung unabdingbar ist. Ihre Vorstellungen von einem „guten“ Leben sind der Ansatzpunkt für die Gestaltung der Hilfen. In diesem Sinn argumentiert Heiner Keupp: „Wir haben kein Recht, für die Betroffenen zu definieren, was für sie gut und qualitätsvoll ist. Dieses Handeln birgt die Gefahr der Bevormundung, der fürsorglichen Belagerung. Notwendig ist eine Perspektive, die Lebenssouveränität fördert - also eine Empowerment-Perspektive – und die ist ohne weitestgehende Einbeziehung der Betroffenen nicht vorstellbar.“ (Keupp 2000, 15)

Für Menschen mit Behinderung, die nicht für sich selbst sprechen können, sind durch geeignete Verfahren und unterstützende Materialien Möglichkeiten zur Mitwirkung an der individuellen Teilhabeplanung zu eröffnen. Beispielhaft sei die Methode der persönlichen Zukunftsplanung genannt, die selbst gewählte Unterstützerkreise integriert und Bündnispartner einbezieht, welche die Umsetzung der persönlichen Ziele unterstützen. Auf diese Weise wird die Forderung „Nichts über uns ohne uns!“ auch bei Menschen, die nicht für sich selbst sprechen können, ernst genommen und Partizipation praktiziert.

Handlungsfeld: Systemebene und Sozialraum

Friedrich Dieckmann (2010) hat auf der Basis von empirischen Befunden aus Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland Rahmenbedingungen für die Gestaltung unterstützender Lebensbedingungen von Menschen mit herausforderndem Verhalten in den Kommunen beschrieben und an konkreten Beispielen konkretisiert. Als zentrale Dimensionen einer örtlichen Teilhabeplanung, die den Personenkreis integriert, werden folgende Aspekte genannt:

 

  • Versorgungsverpflichtung und bereichsübergreifendes Netzwerkmanagement 
  • Beratung von außen, therapeutische und medizinische Hilfen 
  • Krisenintervention 
  • Häusliches Wohnen in unterschiedlichen Settings
  • Arbeit, Beschäftigung, Freizeit: Individualisierung und Flexibilität
  • Bedarfsgerechte Dienste und qualifizierte Unterstützer (Familienunterstützende Dienste, Wohnen)
  • Individuelle Hilfeplanung und Casemanagement
  • Öffentlichkeitsarbeit im Gemeinwesen: Vorurteile abbauen und Konflikte entschärfen. 
Angesichts der unterschiedlichen Bedarfslagen muss die Angebotsstruktur vielfältig und flexibel nutzbar sein. Bereits bestehende innovative Konzepte und deren Umsetzung in der Praxis zeigen Wege auf, die Verbreitung finden sollten. Wichtige Voraussetzung für die Entwicklung inkludierender Strukturen und Konzepte ist der Grundsatz, dass Entwicklung und Teilhabe eines sozialen Kontextes bedürfen, der verlässlich emotionalen Halt und Unterstützung in allen Lebenslagen sichert – wie immer die Unterstützungsarrangements gestaltet sind. Das heißt im Klartext: Inklusion bezieht sich nicht allein auf die strukturelle Bedingungen und soziale Netzwerke in der Gemeinde. Inklusion fängt bei den alltäglichen Kontakten im Lebensbereich Wohnen an. Die Qualität der unmittelbaren Nahbeziehungen ist für Menschen mit spezifischem Unterstützungsbedarf von existenzieller Bedeutung. Die Entwicklung dialogischer Beziehungen unter erschwerten Bedingungen erfordert eine intensive Begleitung, Raum und Zeit, Kompetenz und unbedingte Parteinahme. Ohne diese personellen und materiellen Ressourcen ist soziale Inklusion für diesen Personenkreis nicht realisierbar. 

 

Fazit

Die UN-Behindertenrechtskonvention gibt dem langjährigen Engagement der Behindertenverbände für die Nichtausgrenzung von Menschen mit schweren Behinderungen Rückenwind. Sie benennt die Bereiche, in denen die Voraussetzungen für Inklusion zu schaffen sind. Indem sie die Menschenrechte zur Grundlage des Handelns macht, hat sie – nicht nur für die Behindertenhilfe – normative Bedeutung. Darum ist zu fordern, dass im angekündigten nationalen Aktionsplan die Anliegen von Menschen mit schweren Behinderungen explizit benannt und bei den Sozialplanungen und in gesellschaftlichen Prozessen Berücksichtigung finden. Das Zukunftsprojekt Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die das Zusammenwirken aller Akteure erfordert. Nur so kann eine tragfähige Basis für einen gelingenden Alltag von Menschen mit schweren Behinderungen inmitten der Gesellschaft entstehen – in einem Gemeinwesen, in dem sich alle Menschen willkommen fühlen, in dem Verschiedenheit wertgeschätzt und individuelle Interessen und Bedürfnisse beachtet werden, einem Gemeinwesen, in dem die Bürgerrechte für jeden gesichert sind, unabhängig vom Alter, vom Geschlecht, vom kulturellen Hintergrund oder einer Behinderung. Inklusion schließt niemanden aus.

Dr. Monika Seifert: Vorsitzende der DHG - Deutsche Heilpädagogische Gesellschaft e. V. (Fachverband, der sich insbesondere für die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit herausforderndem Verhalten engagiert – www.dhg-kontakt.de)

 © Erstveröffentlichung: Psychosozial-Verlag, Gießen

Literaturangaben finden Sie in der Denkbar 04/2011.

 
TheatreFragile spricht die Sprache der Welt

Auf der Suche nach Austausch und Begegnung

Eng ist es. Verdammt eng. Unsere Körper sind aneinander gequetscht, stoßen sich an den Wänden unseres schwankenden Gefährts. Die Luft ist stickig, das Atmen fällt schwer. Und trotzdem müssen wir weiter. Wir treiben auf ein fremdes Land zu...

Wir, das sind Marianne und Luzie. Und noch ein paar andere. Wir hocken dicht gedrängt in einem Raum, der genau einen Kubikmeter Platz bietet. Rundherum ein paar Eimer, um unser Boot zu lenzen, das von überall eindringende Wasser immer wieder über Bord zu schaffen. Ein paar persönliche Erinnerungen, Briefe, Fotos ─ und etwas Heimaterde. Alles verstaut in einem schwarzen Würfel mit einem Meter Kantenlänge. Unter uns der nackte Asphalt, auf dem wir uns mit den Händen vorwärts bewegen. Wir sehen nichts von der Welt um uns, sind gefangen im Dunkel. Wie von unbekannten Strömungen getrieben, bewegen wir uns auf einen unbekannten Strand zu. Auf unbekannte Städte. Auf unbekannte Menschen. Fremde ─ so wie wir für sie. 

Wir blicken nun auf fünf Jahre als freie Theater-Compagnie zurück. Wir sind auf der Suche nach unserem Weg, immer neu, um Menschen mit unserer Kunst zu berühren und uns gesellschaftlich zu engagieren. Von Anfang an gingen wir in unserem künstlerischen Prozess dem Unbekannten nach. So behandelt die zweite Inszenierung das Thema Migration, die dritte das Thema des Hohen Alters. Tagtäglich liest man über Flüchtlinge, die versuchen, Meere zu durchqueren, um Europa zu erreichen. Was wissen wir über sie? Unsere Großeltern sind die wenigen Menschen, die uns Kontakt zu der alten Generation geboten haben. Unsere Gesellschaft liefert sonst leider selten Gelegenheiten, Menschen anderer Altersstufen zu begegnen. Wie leben sie? Was empfinden sie in dem letzten Abschnitt ihres Lebens? 

von Luzie Ackers und Marianne Cornil

Ein Theaterprojekt ist ein wunderbarer Vorwand, endlich Fragen zu stellen, die man sich sonst nicht getraut hätte! Bei der Arbeit an unserer zweiten Inszenierung „Wir treffen uns im Paradies“ haben wir uns mit der Situation der Flüchtlinge beschäftigt und es war klar, dass eine wirkliche Begegnung stattfinden muss. 

Dafür haben wir Zeitungsartikel und Bücher gelesen, Filme gesehen und Statistiken studiert, doch wir mussten uns mit dem Eigentlichen reiben, dem Lebendigen, dem Menschen. So entstand ein wichtiger Teil unserer Arbeit: die Interviews. 

Wir nennen unsere Interviewpartner „Experten“. In „Wir treffen uns im Paradies.“ sind sie Experten für Fluchtwege, für das Exilleben, für den Neuanfang. Bei dem Stück „Himmel in Sicht“ sind sie hingegen Experten für das hohe Alter, für die lange Liebe und die Erfahrungen eines langen Lebens. 

Interessant ist, dass während der Interviewtermine nicht nur gesprochen wird. Sondern wir trinken meist auch Kaffee, essen vielleicht ein Eis, hören Musik oder spielen ein Spiel. Wir lachen miteinander und manchmal weinen wir miteinander. Wir erleben Gemeinschaft. Manchmal dauern diese Begegnungen Tage, manchmal reichen ein paar Minuten, bis das Eis bricht.

Ein Ägypter aus Holzminden erzählt uns beispielsweise über das Exil und über sein Leben in seiner „zweiten Heimat“. Als er ein arabisches Lied über seine Mutter singt, bricht er in Tränen aus und schenkt allen Anwesenden diesen emotionserfüllten Moment. Bei anderen Begegnungen sitzen wir (gefühlte) Stunden, verlegen am Tisch, bis ein alter Mann sein Akkordeon rausholt. Man weiß nie im Voraus, was die Brücke bauen wird, und wann dies geschieht. 

Es sind unglaublich wertvolle und seltene Momente: Der Augenblick, in dem ein Mensch in seinem ganzen Wesen vor einem anderen Menschen steht und sich so großzügig zeigt, weil er Vertrauen spürt. So schenken uns diese Menschen ihre Worte und ihre Stimme: Die Stimmen von Samsun, von Shakti, Mossad, Nassim, Barbara, Kamal, Dolma,Tamanh, Theodor Kohl, Frau Fröhlich, Pater Sylvester, Herr Opitz und von vielen mehr. In der Unmittelbarkeit der Interviews trifft man auf ehrliche Worte, die eine Alltagspoesie besitzen. Eine poetische Sprache, die nicht konstruiert ist. Wir hören Momente von Ehrlichkeit, unvorbereitet und unmittelbar. Während der Aufführungen kann man die nahe Stimme dieser Menschen erfahren. 

Auch wenn es Worte sind, bietet der Klang dieser Stimmen den Zuschauern wiederum eine physische Ebene. Diese lebendigen Stimmen bringen Intimität, durch den Atem, das Suchen, die Gedankenpausen. Es ist, als würde dieser Mensch vor einem stehen. Diese Interviewarbeit an dem jeweiligen Spielort durchführen zu können, schenkt der Produktion die Möglichkeit ständig zu wachsen. Es lässt uns überprüfen, ob wir immer noch nah an der Materie sind, und hält uns dafür wachsam. Die Interviews, die vielen kreativen Impulse von verschiedenen Menschen der Compagnie, aus den verschiedenen Bereichen Darstellung, Maske, Bühnenbild, Musik, Video, Kostüm - dies alles verdichtet sich zu einem großen Ganzen. Wir versetzen uns in einen Zustand, in dem man nicht nur über das Thema sprechen kann, sondern auch körperlich davon durchdrungen ist. 

Aus den drei alten Herren schlüpfen drei junge Frauen. 

Der Moment, in dem wir die Masken abnehmen, ist ein unglaublicher. Die Maske macht diese erstaunlichen und unzähligen Verwandlungen möglich. Zum jungen Mann, zum Mädchen, zum alten Herren und dies in einem einzigen Augenblick. Wenn wir eine Maske tragen, sind wir so pur und nackt, wie wir mit unseren wirklichen Gesichtern nicht sein können. 

Von einem guten Maskenspieler geht eine faszinierende Magie aus, sie lebt von der Wahrhaftigkeit. Das Verschwinden des Gesichtes legt den Fokus auf den Körper und dieser Körper lügt nicht. „Give a man a mask, and he’ll tell you the truth“, schreibt Oscar Wilde. Die Maske wird nur lebendig, wenn der Darsteller authentisch und ehrlich ist. Wir suchen nach dieser Wahrhaftigkeit, um damit das Menschliche und seine Zerbrechlichkeit wiederzugeben. 

Die Blackbox kommt vor ihnen zum Stehen. Es wird still, ganz still. Eine Klappe öffnet sich, langsam. Vorsichtig schauen wir über Bord unseres Boots. Wir zwei und die vielen anderen, die mit uns an Bord sind: Masken, wie wir sie selbst auch tragen. Es könnten unsere Kinder und Eltern sein, Vertriebene, die mit uns die Fahrt unternommen haben. Scheu lugen sie mit uns hinaus. Fremdes Land. Fester Boden? Sich öffnen, so wie sich unsere Blackbox öffnet, unser beengter Lebensraum. Allen rundum wird Einblick gewährt. Alles liegt offen. Unsere Erinnerungen, unsere Sehnsucht. Nichts, das wir verbergen könnten.

Unser Maskentheater macht einem nichts vor, sondern lädt zum Miterleben ein. Wir haben uns selbst die Aufgabe gestellt, unsere Gedanken und Gefühle in einer Sprache auszudrücken, die in der ganzen Welt verstanden wird, die Körpersprache, eine sehr sinnliche Rezeption. Und wir haben uns die Bühne gesucht, die wir überall finden können, die Straße. Die poetische Bildhaftigkeit und die starke Fernwirkung der Masken eignen sich für dieses Vorhaben wunderbar. Sie erlauben einen radikalen Einschnitt in das alltägliche Leben der Straße. Die Magie, die entsteht, wenn Realität und theatralisches Ereignis zusammenprallen, reizt uns. Wir kommen mit allen Gesellschaftsgruppen in Berührung und kreieren Momente der Begegnung und des Austauschs. 

In „Himmel in Sicht“ haben wir jede Möglichkeit gesucht, das Publikum aktiv an dem Verlauf des Stückes zu beteiligen. Die Zuschauer lieben es, wenn der alte Mann mit dem Seil auf seinem Boot hochgezogen wird; und zwar ermöglicht durch einen Helfer aus dem Publikum! Jeder, alt und jung, hat glänzende Augen, wenn er einen Fisch in die Hand bekommt und ihn animieren darf! Sobald eine Person mit ins Spiel einbezogen ist, fühlen sich die Zuschauer als Gruppe angesprochen. Es ist, als würden plötzlich alle mithelfen. Und dann kommt es darauf an, wie mit dieser Person, die das komplette Publikum widerspiegelt, umgegangen wird. Ein ganz wichtiger und heikler Moment! Jede Einbeziehung einer Person aus dem Publikum bedingt die spätere Bereitschaft aller anderen Zuschauer, teilnehmen zu wollen. 

Wir suchen diese Momente der Einbeziehung. Es sind Gelegenheiten, Solidarität und einen liebevollen und sensiblen Umgang miteinander zu erleben und für alle sichtbar zu machen. Während der Aufführung bieten wir immer wieder die Möglichkeit die Berührungsängste zu überwinden und das Zusammensein zu genießen. 

Bei „Wir treffen uns im Paradies“ spielt das Publikum eine wichtige Rolle im dramaturgischen Verlauf. Zu Beginn der Inszenierung erlebt der Zuschauer das Fremde. 

Figuren, die ohne Mund und ohne Nase sich auf der Flucht befinden. Sie sehen befremdlich aus und vermitteln Angst und Schrecken. Der Zuschauer bekommt die Möglichkeit, dem Fremden zu begegnen und den anfänglichen Eindruck von starker Distanz zu überwinden. Die Zuschauer werden eingeladen zu reagieren. Ob sie den Vorschlag annehmen oder mit Ablehnung oder Gleichgültigkeit reagieren? Jede Reaktion hat eine Auswirkung auf das weitere Spiel der Darsteller. Die Zuschauer stehen stellvertretend für die europäische Gesellschaft, welche die Wahl hat, zwischen den Möglichkeiten in Kontakt zu treten, oder Abstand zu nehmen. Manchmal sogar Ablehnung spüren zu lassen. 

Das Publikum muss Stellung zu beziehen. Es wird so den Ausgang des Stückes mitgestalten. Wenn die Zuschauer dies wahrnehmen, werden sie sich bewusst, dass sie dazugehören. „Ich werde gebraucht!“ In diesem Moment wird Gemeinschaft spürbar. Erlebbar. Darsteller und Publikum bilden eine kleine Gesellschaft. 

Fuß nach Fuß, Schritt für Schritt eine neue Heimat erobern. 

Eine kleine Bank, auf der man sitzen kann. Ein Telefon, um mit der Familie zu sprechen und eine Küche, um eine warme Suppe zu kochen. Hunderte sind vor uns und hunderte mit uns. Alle sind eingeladen. Jetzt, mit einer Schale dünner Suppe in der Hand, reden sie miteinander. Für einen Moment durchzieht ein Gefühl von Gemeinsamkeit die zufällige Begegnung. Sie alle verinnerlichen das Erlebte. 

Als wir in Braunschweig am Leopoldplatz „Wir treffen uns im Paradies“ spielten, und der Suppenwagen aufging und warme Suppe wie bei jeder Aufführung für alle bereit stand, sagte ein türkischer Mann im Publikum, „Ja, ja, genauso ist es, genau so! Wir sind alle Menschen“. 

www.theatre-fragile.de  

Maskentheater im öffentlichen Raum 

Bereits 2006 gastierte TheatreFragile mit „Ahoi!“ in Braunschweig. Neugier, Freude und Begeisterung leuchtete in den Braunschweiger Gesichtern. Dieser Zuspruch war für die neugegründete Gruppe ein Segen. Seitdem konnte die in Berlin lebende Compagnie neben den bundes- und europaweiten Tourneen immer wieder dem warmherzigen Publikum der Löwenstadt begegnen. 

Nicht zuletzt dank der Unterstützung der Stiftung Friedrich Knapp, New Yorker, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, des Kulturinstitutes und der vielen guten Seelen, welche die Gruppe nun über die Jahre begleitet haben. Zahlreiche Gastspiele, Künstlerresidenzen in der Musischen Akademie, Workshops und neugewonnene Kooperationen mit Vereinen wie Antirost haben Braunschweig zu einer zweiten Heimat von TheatreFragile gemacht! 

Die vierte Produktion startet ab Oktober 2011. Die Inszenierung wird 2012 in Braunschweig zu sehen sein.

Straßentheater, das Sie sehen sollten: 

 

 
Schülerwettbewerbe
Ausgabe 1 - 2011
PRAXIS IN DER SCHULE
WIE SCHÜLERWETTBEWERBE DEN UNTERNEHMERGEIST FÖRDERN
Selten waren sich Schüler und Lehrer so einig: Erlebnisorientierter und praxisnaher Unterricht macht Spaß und bietet wertvolle Erfahrungen für das Berufsleben. Doch wie erreicht man dieses ehrgeizige Ziel? Wie ergänzt man den Unterricht mit wertvollen Praxisinhalten? Und wie infiziert man seine Schüler mit dem Wirtschaftsfieber? Planspiele setzen an diesem Punkt an und bieten die Möglichkeit Theorie mit Praxis zu verbinden – so auch promotion school, der Schülerwettbewerb für die Region Südostniedersachsen. Schülern die unternehmerische Selbstständigkeit als attraktive berufliche Alternative aufzeigen – dieses Ziel verfolgt der Wettbewerb promotion school seit 2004. Nach dem Motto „Unternehmer von Morgen gesucht“ vermittelt promotion school Kenntnisse der Wirtschaftswelt und fördert unternehmerische Eigenschaften und Talente. Nach dem Anfang als Wolfsburger Wettbewerb mit 17 eingereichten Geschäftsmodellen, entwickelte sich promotion school in den letzten Jahren zum größten Planspiel mit dem Schwerpunkt Unternehmensgründung in der Region Südostniedersachsen. 370 Teilnehmer aus 20 Schulen zählte der Wettbewerb in 2010.
VON INGA RILL UND ANKE HUMMITZSCH

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Leistung
Ausgabe 1 - 2011
LEISTUNG GEHÖRT ZUR SCHULE WIE DAS MITTAGESSEN ZUM KOCHEN!
ES GILT, JEDEN EINZELNEN ANZUNEHMEN UND ZU FÖRDERN
Was ist Leistung? In der Schule reden wir davon, im Beruf, im Sport und in den Künsten. Gehört die Leistung wirklich zum Menschsein, quasi als eines seiner Definitionsmerkmale? Aber was ist mit dem berühmten homo ludens? Ist der Mensch wahrer Mensch nur dort, wo er spielt?
VON URSULA HELLERT

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Kulturelle Bildung
Ausgabe 1 - 2011
KULTURELLE BILDUNG: IHRE ZUKUNFT, VORAUSSETZUNGEN, PROBLEME UND LÖSUNGSANSÄTZE
BILDUNGS-„MENÜ“ STATT „KINDERTELLER“

Obwohl „Kulturelle Bildung“ in aller Munde ist und gefördert werden soll und ja auch schon wird, stößt ihre Umsetzung an Grenzen. So stellt es nach wie vor ein Problem dar, sie vollends in den Schulunterricht zu integrieren. Es fehlt entweder an Zeit, Fachkräften oder der nötigen Verzahnung von Schule und kulturellen Institutionen. Eine weitere Alternative, die der Jugend das Thema Kultur näherbringt, liegt im Bereich der außerschulischen kulturellen Bildung. Künstlerische Hobbys, Theater- und Ausstellungsbesuche stehen zunehmend höher im Kurs der Jugendlichen. Aber auch hier zeigt sich ein Problem: Das Angebot ist oft zu klein, und die Nachfrage dafür vermehrt zu groß. VON WOLFGANG SCHNEIDER
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Bildungsgerechtigkeit
Ausgabe 1 - 2011
EIN GROSSES THEMA: BILDUNGSGERECHTIGKEIT
BILDUNGSGERECHTIGKEIT ZWISCHEN STRUKTUR-DISKUSSIONEN UND ANERKENNUNGSKULTUR

Das Thema Bildungsgerechtigkeit hat auch nach zehn Jahren erneuter intensiver Diskussion nichts an Bedeutung verloren. Leider! Die allseits bekannten Befunde werden in den Bildungsberichterstattungen und Vergleichsuntersuchungen in regelmäßigen Abständen bestätigt und die positiven Veränderungen beziehen sich kaum auf die Gruppe der am meisten benachteiligten Kinder und Jugendlichen. Immer noch haben wir es im Bereich der schulischen Bildung mit einer viel zu großen Gruppe von Schülern zu tun, welche die Mindeststandards in wesentlichen Kompetenzbereichen nicht erreichen. Weiter ist der Schulerfolg so eng wie in kaum einem anderen Land an die soziale Herkunft der Schüler gekoppelt. Im Bereich der Elementarpädagogik zeigt sich, dass es noch nicht ausreichend gelingt, Kinder aus bildungsfernen Schichten für den Besuch von Kindertageseinrichtungen zu gewinnen – eine Institution, die nachweislich bereits ab dem zweiten Lebensjahr förderlich für die kognitive Entwicklung ist. An den Schnittstellen zwischen Schule und Berufsausbildung stranden weiterhin viele Jugendliche in den Übergangssystemen. Schaut man sich diese und viele weitere Befunde an, dann ist es gut, dass die Gerechtigkeit im Bildungswesen weiter ein großes Thema ist.
VON DR. ANDREAS FEINDT UND YVONNE KAISER
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Pluralismuskompetenz
Ausgabe 2 - 2011
Die dreistufige Pluralismus-Kompetenz
Toleranz und Respekt für fremde Denk- und Handlungsvoraussetzungen

Moderne Gesellschaften sind pluralistische Gesellschaften. Unterschiedliche Weltanschauungen und religiöse 
Weltdeutungen mit den dazugehörigen Wertesystemen und Handlungsregeln konkurrieren miteinander und streben danach, ihren Einfluss auf Staat und Gesellschaft beizubehalten, sofern sie bislang dominant und privilegiert waren, oder ihn zu vergrößern, sofern sie bisher eher randständig gewesen sind. Das birgt Konfliktpotenzial in sich. Deshalb bedarf es allgemeinverbindlicher institutionalisierter Regeln, die diese Konflikte entschärfen und eingrenzen. 
von Hans-Georg Babke

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Das Numinose
Ausgabe 2 - 2011
Das Numinose rührt uns an
Man kann es nicht beweisen, nicht widerlegen, aber erfahren.

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Von guten Mächten treu und still umgeben,

behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben,
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Dieses Lied kennen viele Menschen und singen es aus erfülltem Herzen, nicht nur in der Nacht zwischen dem alten und dem neuen Jahr. Das Wissen um die Entstehungsgeschichte des Liedes gräbt die Worte noch tiefer in unser Innerstes.

Dietrich Bonhoeffer hat den Text einem Brief vom 19. Dezember 1944 an seine Verlobte beigelegt. Er saß im Keller in der damaligen Zentrale der Gestapo in der Prinz Albrecht Straße in Berlin ein. Am 9. April wurde er durch Erhängen hingerichtet.

Dietrich Bonhoeffer war ein sehr realistischer Mensch. Dieses Lied hat er nicht geschrieben, weil er glaubte, den Henkern zu entkommen. Er hat es geschrieben aus der Erfahrung, ganz in Gottes Hand gefallen zu sein und nicht tiefer fallen zu können. Ein anderes Wort über das Singen ist nur mündlich von ihm überliefert: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

Wie dankbar sind wir, dass auch einer wie Dietrich Bonhoeffer zu unseren Ahnen gehört. Wie dankbar sind wir, dass wir Christsein so gelebt wissen können.
von Ursula Hellert

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Anders denken lernen
Ausgabe 2 - 2011
Denkbar anders oder anders denken lernen?
Islamischer Religionsunterricht in Niedersachsen zwischen Zustimmung und Kritik

Religionsunterricht an öffentlichen Schulen war und ist ein umstrittenes und begründungspflichtiges Fach, insbesondere aufgrund der bekenntnisorientierten Ausprägung, die für die meisten Bundesländer maßgeblich ist. Angesichts zurückgehender konfessioneller Bindungen insbesondere in den „neuen“ Bundesländern stellen viele Kritiker die Frage, ob ein evangelischer und/oder katholischer Religionsunterricht überhaupt noch zeitgemäß ist oder ob man stattdessen nicht eher einen allgemeinen Religionsunterricht für Alle oder besser noch Ethikunterricht als Pflichtfach anbieten sollte und die konfessionelle Unterweisung oder Bildung den Kirchen und Religionsgemeinschaften überlassen sollte.
von Dr. Ingrid Wiedenroth-Gabler

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Mein Bild von Gott
Ausgabe 2 - 2011
Mein Bild von Gott
Wie glauben Menschen mit Behinderung

Religionspädagogische Ansätze und Erkenntnisse für Schüler der klassischen Schulformen liegen in ausreichender Zahl und Qualität vor. Die Zielgruppe von Menschen mit geistiger Behinderung ist, was deren spezifische religiöse Entwicklung angeht, in der aktuellen Forschung kaum repräsentiert. Das Problem: Viele religionspsychologische Theorien orientieren sich an Piagets Konzept der kognitiven Struktur.

Solche Strukturen als geistige Erkenntnismuster entwickeln sich in der Regel in Abhängigkeit zum jeweiligen Lebensalter. Das Denken wird im Laufe der Kindheit zunehmend abstrakter, es löst sich immer mehr von der Wahrnehmung, der konkreten Anschauung und dem Handeln.

Bei geistiger Behinderung verläuft die Entwicklung solcher Erkenntnis leitenden Strukturen langsamer und erreicht eventuell nicht die höchste Form des abstrakt-logischen Denkens.
von Wendelin Leinhäuser, Sylvia de Vries und Manfred Modigell

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