Das Numinose
Ausgabe 2 - 2011
Das Numinose rührt uns an
Man kann es nicht beweisen, nicht widerlegen, aber erfahren.

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Von guten Mächten treu und still umgeben,

behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben,
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Dieses Lied kennen viele Menschen und singen es aus erfülltem Herzen, nicht nur in der Nacht zwischen dem alten und dem neuen Jahr. Das Wissen um die Entstehungsgeschichte des Liedes gräbt die Worte noch tiefer in unser Innerstes.

Dietrich Bonhoeffer hat den Text einem Brief vom 19. Dezember 1944 an seine Verlobte beigelegt. Er saß im Keller in der damaligen Zentrale der Gestapo in der Prinz Albrecht Straße in Berlin ein. Am 9. April wurde er durch Erhängen hingerichtet.

Dietrich Bonhoeffer war ein sehr realistischer Mensch. Dieses Lied hat er nicht geschrieben, weil er glaubte, den Henkern zu entkommen. Er hat es geschrieben aus der Erfahrung, ganz in Gottes Hand gefallen zu sein und nicht tiefer fallen zu können. Ein anderes Wort über das Singen ist nur mündlich von ihm überliefert: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

Wie dankbar sind wir, dass auch einer wie Dietrich Bonhoeffer zu unseren Ahnen gehört. Wie dankbar sind wir, dass wir Christsein so gelebt wissen können.
von Ursula Hellert


Mutter Theresa ist gerade zu berühmt. Sie war eine Lichtgestalt im Dunkel des Elends des 20. Jahrhunderts. Spätestens mit der Nobelpreisverleihung war sie auch für die Medien eine Ikone geworden. Aber sie lebte nicht in dieser Welt der glänzenden Häuser, sie lebte in Indien. Wer in Kalkutta Tag für Tag und Jahr für Jahr mit den Leprakranken arbeitet, ist sicher nicht der Gefahr ausgesetzt, das Leiden romantisch zu überhöhen. Mutter Theresa hat für manche ihrer Arbeitsmethoden Kritik geerntet und für manche ihrer Haltungen und Prinzipien, beispielsweise ihrer Ablehnung der Abtreibung. Diese Fragen sollen hier nicht diskutiert werden. Sondern das Augenmerk soll darauf gerichtet werden, dass gerade diese Haltung auch etwas tief Berührendes hat. In den Slums zu arbeiten und jedes weitere Kind, welches das unzählige Heer der Armen und Leidenden nur vergrößert, mit diesen Worten zu begrüßen: „Jedes Kind ist kostbar. Jedes ist ein Geschöpf Gottes.“ – das lässt dem Menschen einen unbeschreiblichen Wert, eben einen absoluten Wert. In diesem Bild einer Frau, die sich unermüdlich um jedes Kind sorgt, tritt uns die ganze Kraft einer Haltung entgegen, die jeden Menschen als Gott gewolltes Wunder nehmen kann. Und insbesondere den Armen und Elenden.

Vielleicht werden nicht alle Menschen von einer Zeile wie der Bonhoeffers berührt, von einem Bild wie das der „Mutter der Gosse“ mit ihren Kindern. Aber doch die meisten können sich der Wirkung nicht verschließen. Das Numinose rührt uns an. Dieser Begriff wurde in der Theologie aus dem Lateinischen eingeführt. Er steht für das Letztendliche, das Göttliche, das Wunder des Seins. Das Numinose rührt an die Sphäre des Heiligen. Man kann es nicht beweisen, man kann es nicht widerlegen. Man kann es aber erfahren.

Das Numinose trifft uns zu beliebiger Zeit an unterschiedlichen Orten und mit unterschiedlichen Zugängen. Es geschieht in der Natur, beim Hören von Musik, beim Anblick eines Menschen. Es trifft uns ein Wort, ein Bild. Eine Geste oder ein Ritual rühren uns bis ins Mark. Eine Begebenheit macht uns erschauern. Ein Ereignis lässt uns ohne Erklärung, aber mit dem Wissen zurück: Hier ist Größeres am Werk gewesen, als wir sehen können.
Wann immer dies der Fall ist, ist wesentlich anderes im Spiel der Wirklichkeit als allein Rationalität. Und damit sprechen wir von einer Wirkursache, die wenig präzise ist, was aber ihrer Wirksamkeit gar keinen Abbruch tut. Das Numinose trifft uns. Dass es uns treffen kann, setzt allerdings auf unserer Seite so etwas wie eine Empfänger-Station voraus. Und die haben wir Menschen tatsächlich. Wir nennen sie Religiosität.

Religiös zu sein ist eine Grundausstattung des Menschen. Damit sind wir in der Diskussion bei der Neurobiologie der Religiosität angekommen (Hans Ferdinand Angel, theo-web.de, 2002-01).

Bei Hans Ferdinand Angel können wir lesen: „Die Frage ist dann: Welchen evolutiven Vorteil hatte es für die Hominiden, dass sich bei ihnen allmählich die Fähigkeit entwickelte, religiös zu sein? Wozu dient die Ausstattung mit Religiosität? Welchen Vorteil brachte es den Hominiden in grauer Vorzeit gegenüber anderen Primaten oder gegenüber einer feindlichen Umwelt, wenn sie in der Lage waren, „Gott zu denken“ oder „zu Gott in Beziehung zu treten“? Eines ist sicher: Wenn es sich nicht irgendwie als Vorteil im Überlebenskampf erwiesen hätte, hätte sich der homo sapiens nicht so entwickelt, dass er beim gegenwärtigen Stand seiner Entwicklung in einer Weise ausgestattet ist, die es ihm ermöglicht „religiös“ zu sein.“

Manchen theologisch Gebildeten und manchem Gläubigen mag es nicht sehr angenehm sein, Fragen der Religion oder gar des Glaubens in eine solche nebulöse Umgebung wir dem neurobiologischen Phänomen der Religiosität gestellt zu sehen. Denn schwierig ist es, weil es zum einen eine völlig offene Dimension ausspricht. Und zum anderen die Entscheidungsdimension von Religion anscheinend verleugnet. Wenn wir auf Religiosität programmiert sind, was soll dann noch die Entscheidung für eine bestimmte Religion?

In der Theologie war die Diskussion um Religiosität im 20. Jahrhundert eher nicht geführt. Wissenschaften wie Religionspsychologie sind neueren Datums und kommen aus der neuen Welt.

Religiös wurde lange Zeit ausschließlich so als das Attribut zu Religion verstanden, dass es immer um eine bestimmte Religion geht. Schlussfolgernd war Religiosität dann „richtig“, wenn es um die „richtige“ Religion ging. Die Entdeckung der Religiosität fand aber vor aller Neurobiologie und Religionspsychologie statt. Diese Entdeckung gehört in die Zeit der Romantik. Verknüpft vor allem mit einem mittelalterlichen Katholizismus war allein die Spiritualität fähig, den Menschen davor zu bewahren, in der metaphysischen Vernunft jedes schöpferischen Geheimnisses beraubt zu werden und somit sein Eigentliches zu verlieren.

Zurück zur Neurobiologie. Wir wissen wahrlich noch nicht viel darüber, wie Denken, Wahrnehmen und Fühlen eigentlich funktionieren. Aber sicher ist, dass alles, was geschieht, seine Spuren im Hirn hinterlässt. Es sei an den Neurobiologen Bauer erinnert mit seinem Statement: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie, und aus dem neurobiologischen Geschehen ergibt sich wiederum Psychologie, das heißt, es wirkt sich auf das Erleben und Verhalten aus.“ (2007) Wir gehen nicht zweimal mit demselben Hirn nach draußen spazieren. Was immer wir erleben, verändert auch unsere Fähigkeit zu erleben.

Ein anderer Neurobiologe, Singer, hat einmal in einer Diskussion dargestellt, dass wörtlich gesprochen in den Tiefen unserer Hirne Regionen von solchem unermesslichen evolutionären Alter sind, dass sie in bester Adelsmanier nur mit ihresgleichen kommunizieren.

Dies ist die unglaubliche Leistung der Evolution: Sie hat die neurobiologische Fähigkeit hervorgebracht, dass ein Hirnteil darüber „denkt“, wie das andere Hirnteil Reize aufnimmt, die in der Wahrnehmung von außen eingespeist werden. Und dieses zweite Hirnlevel wird wiederum in einem dritten betrachtet und verarbeitet. Dieses dritte Level hat dann schon gar nichts mehr mit der Außenwelt zu tun, sondern beschäftigt sich nur noch mit dem Innenleben des Hirns. Das Gehirn „denkt“ darüber, dass es „denkt“, dass es „denkt“, dass es….

So entstehen die sogenannten Repräsentationen, welche die Grundlage von Sprache und Reflexion und Kultur und Religion sind. In wie vielen Levels das passiert, wissen wir nicht. Denn diese innersten Hirnregionen zeigen sich nicht. Sie sind eben von altem Adel.

Wir könnten Gott nicht denken, wenn wir Gott nicht denken könnten. So einfach ist das auf der einen Seite.

Die Autorin erinnert sich an eine Begegnung mit einem sehr jungen und sehr begabten Schüler nach einer Deutschstunde, die Liebeslyrik zum Gegenstand hatte. Er fragte: „Aber ist die Liebe denn etwas anderes als Biochemie?“  Am schnellsten hätte man antworten können: „Warte nur ab, bis du das erste Mal verliebt bist. Dann sprechen wir uns wieder.“ Aber die Antwort ist nicht recht. Denn erstens hat der Schüler Recht. Wenn wir nicht biochemische Prozesse einer bestimmten Art produzieren könnten, wären wir niemals verliebt. Und das, worin er nicht recht spricht, erschließt und erklärt sich eben nicht einfach. Es hat damit zu tun, dass die Basis der Empfindung oder die Möglichkeit dazu als evolutionäres Programm vorhanden sein muss, damit es geschehen kann. Aber die Bedeutung dieses Liebens hat sich dadurch nicht gezeigt und nicht von selbst ergeben.

Wie etwas geschehen kann, versuchen die Naturwissenschaftler immer mehr in den Blick zu bekommen. Was das Geschehene bedeutet, ist eine andere Domäne.

Deswegen muss es so sein, dass die Fähigkeit, religiös zu sein, evolutionär ausgebildet wurde. Die Evolution hat nur die Schritte in ihrem Programm beibehalten, die Vorteile brachten. Diese funktionale Seite lässt sich aufsuchen, auch wenn wir beim heutigen Stand der Wissenschaft dies noch nicht beantworten können. Vermutungen gehen dahin, dass es insgesamt günstig für das Überleben war, Deutungsmöglichkeiten für Ereignisse und gerade auch widrige Ereignisse zur Verfügung zu haben. Solche Deutungsmöglichkeiten könnten den Hominiden stärker gemacht haben und damit einen Selektionsvorteil erbracht haben.

Aber selbst wenn wir es zukünftig einmal werden beantworten können, haben wir damit eben nicht die Antwort auf die Frage gewonnen, welche Bedeutung das Geschehen für uns hat.

Mindert es in irgendeiner Weise den Glauben oder die Religion, wenn wir mit einem entsprechenden evolutiven Programm ausgestattet sind? Das wäre doch eine irrsinnige Argumentation, die darauf hinausliefe zu diskreditieren, was wir als Basis eines menschlichen Glaubens benötigen.

Vor allem im Christentum müsste es Zuspruch zur Entdeckung solcher religiösen Grundanlagen geben. Denn das Christentum ist unter den monotheisti-schen Religionen diejenige, welche die Trennung zwischen Gott und unserem biologisch geschichtlichen Dasein absolut aufhebt. Gott ist Mensch geworden. In der Liebe zu seinem Sohn Jesus Christus liebt Gott das Menschliche, liebt jeden Menschen. Und jeder Mensch hat einen Bruder bekommen, der in seiner Menschlichkeit auf jeden anderen Menschen und auf Gott selbst zeigt. „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mat 25,40) „Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“ (Joh 14,21)

Genau in dieser Nahtstelle des Menschen zu Gott hin werden uns Menschen wie Dietrich Bonhoeffer und Mutter Theresa zu leuchtenden Wegweisern.

Wir Menschen existieren in Zeit und Raum. Und wir haben als Ergebnis einer langen Kette von evolutiven Vorgängen eine Ausstattung, die uns einen Zipfel vom Schleier lüften lässt, wie das denn möglich sein kann, dass der Mensch zu Gott aufschaue. Aber das macht um nichts verständlicher – und das ist das radikale Ärgernis des Christentums seit der Antike -, warum Gott Mensch werden wollte und geworden ist.

Auch für diesen Gedanken kann das berühmte Zitat des Physikers Werner Heisenberg (1901 - 1976) stehen:
„Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch. Aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“ Dies sagt einer, der mit der nach ihm benannten Unschärferelation die moderne Physik so maßgeblich bestimmt hat wie vor ihm Albert Einstein.

Auch Einstein (1879 – 1955) war von tiefer Religiosität geprägt, „Gott würfelt nicht“ ist sein über die Zeiten bekanntes Wort. Aber die Vorstellung des Glaubens an einen Gott gemäß den biblischen Schriften hätte er verneint.

Gerade Heisenbergs Religiosität war gespeist von der Erfahrung, dass jeder Erkenntnisschritt mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt. Diese Erfahrung über die Relation von Erkenntnis und dem Bau der Natur war für ihn das Numinose, das trifft. Heisenberg, so die Vermutung, hätte die Erkenntnisse der Neurobiologie zur religiösen Veranlagung des Menschen begrüßt.

Oben wurde gesagt, dass das eine die Erkenntnis über die religiöse Grundausstattung des Menschen ist. Aber das andere ist die Frage, was das bedeutet. Denn es ist klar: Wenn wir erkannt haben, wie die religiöse Grundausstattung des Menschen funktioniert, folgt eben keineswegs automatisch der Glaube, nicht der christliche und auch nicht der jüdische oder islamische. Religiosität und Glaube gehen in unserer Gegenwart so weit auseinander und auch getrennte Wege wie noch nie.

Wir hören sehr viele Jugendliche und auch viele Erwachsene bekennen, dass sie natürlich religiös, aber eben nicht kirchlich sind. Die Suche, welche die Menschen beschäftigt, ist die nach Sinn und Wahrheit und einem großen guten Geist, der so etwas wie eine Gewähr dafür bietet, dass die Welt und die Menschen inklusive nicht einfach ein Spielball irgendeines Weltraum-Zufalls oder Weltraum-Unfalls sind, sondern dass das eigene Leben und das Leben jedes anderen einen Wert haben.
Oft wird eingeworfen, dass das Bedürfnis nach Religiosität Kapriolen schlägt. Jeder Blick in die Esoterikabteilungen von Buchhandlungen und erst recht der online-shops bestätigt dies. Aber vielleicht ist auch schon der nächste Schritt darüber hinaus getan. Viele Menschen sind gar nicht mehr etwas Bestimmtes wie Katholik oder Esoteriker, sondern sie setzen sich eine Art Prozesslandschaft aus allen verfügbaren Religionen und spirituellen Trends zusammen.

Diese Prozesslandschaft erlaubt ihnen, jeweils das zu wählen, das ihrer individuellen Situation am besten entspricht. Immer häufiger ist das sogar ein Mix aus vielen unterschiedlichen Ansätzen. Der Begriff Patchworkreligion hat sich dafür schon eingebürgert.

Aber jede Kapriole zeigt doch vor allem, dass ein solches Bedürfnis real ist. Und das heißt, dass es auch befriedigt werden will. Unter pädagogischem Gesichtspunkt muss man diese religiöse Dimension des Menschen freudig annehmen – und füllen. Die Sinnfrage treibt die Menschen um. Die Jugendlichen sind vielleicht noch schärfer von ihr betroffen als ältere Generationen. Denn so selbstverständlich das Leben ist, wenn wir jung sind, so sehr wollen die Jugendlichen auch wissen, wozu sie leben. Die Selbstmordrate unter jungen Menschen ist sehr hoch im Vergleich zu anderen Generationen. Die Jungen und die Alten sind am meisten gefährdet. Das sind die, deren Leben nicht durch die Anforderungen des Alltags weitergetrieben wird. Die beruflichen Leistungsanforderungen und Verantwortlichkeiten sind noch nicht da, oder nicht mehr. Und die familiären ganz genauso. So wird die Leere fühlbar.

Der Vorteil des gegenwärtigen Wissensstandes liegt darin, ganz einfach konstatieren zu können, dass der Mensch Religiosität braucht. Ob aus Religiosität die Bindung an eine Religion werden kann, ergibt sich nicht automatisch. Ob aus Religiosität als Bedürfnis Glaube werden kann, liegt überhaupt nicht in Menschenhand. Glauben können ist ein Geschenk, Glaube ist Gnade.

Unser Teil ist es, die Vorhöfe der Gnade zu gestalten. Wir haben den Auftrag, menschlich erfahren zu lassen, was Gottes Liebe sein kann. Sie ist größer als alles, was wir geben können. Aber unsere Liebe macht glaubwürdig, dass die Bedeutung von Beziehung – der zwischen Menschen wie in der Beziehung zu Gott – eine höhere und tiefere Dimension ausfüllt als die Erkenntnis eines neurobiologischen Programms.

Wir handeln unserem evolutiven Wesen gemäß, wenn wir die Suche nach Wahrheit und die Suche nach Gott als unser Programm anerkennen. Der Weg ist des Menschen Teil, sein Leben lang. Am Ende der Suche wartet ein Friede, der höher ist als alle Vernunft. Der Friede Gottes!
 
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