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| Leben - Bildung - Kooperation |
Projektorientiertes und lebenslanges Lernen für menschen mit einer schwersten BehinderungMit der Umwandlung der „Beschützenden Werkstätte“ in die „Werkstatt für Behinderte“ (WfB) wurde ein Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung zu einem zentralen Kriterium der Aufnahme in diese Institution. Diejenigen, die diesem Mindestmaß nicht entsprechen konnten, wurden in Tagesförderstätten oder Fördergruppen eingegliedert, in der Absicht dort einen „zweiten Lebensraum” zu gestalten, in dem die Betroffenen einem geregelten Alltag und einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen sollten. Seither zeigt sich in den Förderstätten allerdings ein eher uneinheitliches Bild der dort zu betreuenden Menschen, die aufgrund ihres umfänglichen Förderbedarfs sowohl eine pädagogische als auch eine therapeutische und pflegerische Unterstützung benötigen, um ihr Leben bewältigen zu können. VON PROF. WOLFGANG PRASCHAK Das bedeutet aber immer schon, dass die Vorbereitung auf eine wie auch immer geartete Arbeit noch nie im Zentrum dieser Institution stand, sondern vielmehr vielfältige Fördermaßnahmen, die eine Form der nachschulischen Betreuung darstellen, die dem Anliegen einer lebenslangen Persönlichkeitsbildung folgen, welche die Betroffenen benötigen, um Würde, Lebensqualität und persönliche Handlungssicherheit zu erfahren. In diesen Bildungsprozessen ist mithin das Maß an verwertbarer Arbeit vollkommen sekundär und deshalb auch kein inhaltliches Ziel, das für jeden der Betroffenen verfolgt werden muss. Viel wichtiger hingegen sind individuelle Teilhabemöglichkeiten am alltäglichen Zusammenleben und Zusammenarbei- ten, in denen der Einzelne seine Fähigkeiten erproben und in Erfahrung bringen kann, dass ein sozial gestaltetes Zusam- menleben Wert und Würde vermittelt. Damit verschiebt sich das zentrale Aufgabenfeld der Förderstätte von der Vorbereitung auf ein Arbeitsleben auf die Gestaltung eines kulturell wertorientierten Zusammenlebens und Zusammenarbeitens, an dem der Einzelne auf seinem Entwicklungsniveau mitwirken und darüber persönliche Beziehungen pflegen kann. Die Kooperation, die Leben und Arbeiten miteinander verbindet, blickt nicht nur auf verwertbare Produkte, sondern will Lebensqualität, Handlungssicherheit und letztlich auch gemeinsames Wohlbefinden, die auf diese Weise zu zentralen Momenten eines Zusammenlebens werden, in dem auch umfängliche Einschränkungen der Handlungsfähigkeit wertgeschätzt und die immer vorhandenen kommunikativen und kooperativen Möglichkeiten wirklichkeitsnah ausgeschöpft werden. Das gilt folglich auch dann, wenn sich die Persönlichkeitsentwicklung nur noch rückschreitend stabilisiert und deshalb respektvoll und in Würde begleitet wer-den muss. In den Förderstätten geht es also um eine Form nachschulischer Bildung, welche die Entwicklung der Persönlichkeit im Rahmen der alltäglichen Besorgungen in den Mittelpunkt rückt. Die Auseinandersetzung um eine pädagogische Ausrichtung der Förderstätte macht die Gestaltung einer entwicklungsförderlichen Lernlandschaft notwendig und nicht mehr ein instrumentelles Arbeitstraining, das auf verwertbare Produkte ausgerichtet ist. Diese Ausrichtung folgt vielmehr dem „Konzept des lebenslangen Lernens“ und dem Partizipationsanliegen der ICF (International Classification of Functioning and Activity), die Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens hervorbringen soll, in denen einerseits tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen gepflegt werden können und andererseits gemeinschaftliche Projekte gestaltet werden, in denen auch Arbeitstätigkeiten und andere sinnvolle Beschäftigungen einen Platz finden können. Das Konzept der lebenslangen Bildung muss dazu auf die Bildungsbedürfnisse von Menschen mit einem umfänglichen Förderbedarf abgestimmt werden, was zwei Säulen der Konzeptbildung in den Vordergrund rückt. Bei der ersten Säule geht es um einen institutionellen Alltag, der so ausgerichtet ist, dass die eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen wertgeschätzt, erweitert und im Falle eines Rückschritts würdevoll begleitet werden können. Bei der zweiten Säule geht es um die Gestaltung projektorientierter Tätigkeitsformen, in denen der Einzelne wünschenswerte Fertigkeiten niveauspezifisch auszubilden und in sozialer Gemeinschaft vergegenständlichen kann. In diesem Zwei-Säulen-Modell weicht die Gleichförmigkeit produktorientierter und arbeitsvorbereitender Maßnahmen gemeinschaftstiftenden Projektzusammenhängen, in denen die eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten des Einzel- nen einen sozialen Rahmen finden, in denen diese wertgeschätzt werden. Damit wird die Gestaltung eines entwicklungsförderlichen Zusammenlebens und Zusammenarbeitens zu einem Fundament lebenslanger Bildungsprozesse, für deren Ausgestaltung die Mitarbeiter der Förderstätten die Verantwortung tragen, mit der Perspektive, dass sich Leben, Bildung und Arbeit sinnvoll ergänzen. Ausgangspunkt dieser Kooperation ist eine möglichst gleichberechtigte Form des Zusammenseins, in dessen Rahmen individuelle Lernerfahrungen gemacht und auch notwendige Assistenzleistungen integriert werden können. Nicht mehr die Steigerung der Produktivität des Einzelnen steht damit im Vordergrund, sondern die Wertschätzung und Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit im Sinne einer Allgemeinbildung, die kulturellen Wertmaßstäben folgt und auch eingeschränkten Partizipationsmöglichkeiten einen sozialen Rahmen verleiht. |
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