Die Herausgeber
Was ist das Leben? Erwarten Sie keine Antwort darauf, außer der: Das Leben ist ambivalent.

Warum dieses Fremdwort? Dass etwas ambivalent ist, ist als Ausdrucksweise auch schon in die Alltagssprache übergegangen und meint dann: Etwas ist zwiespältig oder doppeldeutig. Aber Ambivalenz ist auch ein Fachbegriff in der Psychologie oder Psychiatrie. Es meint den Zustand eines Menschen, bei dem immer Wünsche, Gefühle und Vorstellungen gleichzeitig bestehen, die aber gegensätzlich sind und darum zu großen inneren Spannungen führen können. Wir wollen beispielsweise alle ein sicheres Leben, in dem möglichst viel Spannendes passiert. Der Wunsch nach Sicherheit und der Wunsch nach Neuem können gleichzeitig so stark ausgeprägt sein, dass wir nicht mehr fähig sind zu entscheiden, ob wir zum Beispiel die Stelle, die uns langweilt, kündigen oder behalten sollen.

Und diese Ambivalenz prägt unser Leben in allen Schichten, von der Oberfläche bis in die tiefsten Regungen unseres Fühlens und Denkens.

Welches unserer Gefühle ist schon eindeutig? Zuneigung, Liebe, Respekt? Mischt sich nicht immer auch anderes mit hinein? Welche unserer Ansichten ist schon eindeutig? Erfahren wir nicht kontinuierlich in unserem Leben, dass auch wir zu einem anderen Zeitpunkt unter anderen Umständen anders denken?

Unser Leben ist nicht eindeutig und wir sind es eben auch nicht. Darum sind auch alle Fragen nach einem guten Leben, nach einem sinnvollen und erfüllten Leben nicht eindeutig zu beantworten. Wenn Gesundheit beispielsweise die wesentliche Bedingung für ein gutes Leben wäre, warum haben dann so viele gesunde Menschen überhaupt nicht das Gefühl, ihr Leben sei ein gutes?

Ein Ding ist anders. Wir beschreiben seine Quantitäten und seine Qualitäten.
Ein Tisch ist zwei Meter lang und aus Holz. Beim Zweck mag es mehrere geben: Man isst am Tisch, aber man könnte genauso darauf tanzen. Das aber macht ihn nicht ambivalent, weil die unterschiedlichen Zwecke nichts mit dem Tisch machen, sondern nur den Benutzer betreffen.

Unser Leben aber ist anders. Das ist ebenso unser gesunder oder kranker Körper, meine Beziehung zu meinem Partner, meine Arbeit und meine Hobbys, unsere stärkere oder schwächere Begabung für das eine oder das andere, meine ganze Lebensgeschichte wie auch mein Gefühl heute und mein Vorsatz, endlich fleißiger zu werden. Und… und … und … Das alles zusammen gibt kein Ding, das ich mein Leben nennen könnte. Sondern im besten Fall eine Identität, die geprägt ist aus dem allen zusammen. Aus Eindeutigem und Uneindeutigem.

„Erwachsen sein“ können wir auch ausdrücken als: Ambivalenz aushalten und sich doch immer wieder auf einen Standpunkt stellen. Mein Leben, das ist vor allem die Deutung, die ich ihm aus diesem ganzen Beziehungsgeflecht und Stückwerk gebe. Ich bin der Autor meiner Biographie. Die Verantwortung nimmt mir keiner ab. Aber die Hoffnung bleibt auch die meine, dass ich einmal wissen werde, was mein Leben war: nämlich in seiner Vollendung.



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Ursula Hellert, Gesamtleiterin
CJD Braunschweig
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Wolfgang Traub, Jugenddorfleiter
CJD Salzgitter


 
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